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zu dem geplanten Buch: Prof. Dr. Paul Feyerabend - Verteidiger der Astrologie
werde ich zur Darstellung der Astrologie und einer professionellen Darstellung der Astrologischen Beratung in Deutschland Texte von Dr. Peter Niehenke,
www.astrologiezentrum.de
verwenden.
Ich danke Dr. Niehenke ganz herzlich für die Erlaubnis, seinen Text in dieser geplanten Schrift und hier verwenden zu dürfen.
Da Bilder und Graphiken nicht überrnommen werden, muß der Text noch bearbeitet werdeen.
S.dazu das Dissertations - Original.
Kapitel 2:
Dieses Kapitel stammt vollständig als „Langzitat“ aus der Dissertation von
Dr. Peter Niehenke: Kritische Astrologie. Zur erkenntnistheoretischen und empirisch-psychologischen Prüfung ihres Anspruchs.
Astrologie, was ist das?
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Kapitel 2.1: Die Grundannahme der Astrologie
Astrologie ist, in allgemeinster Form ausgedrückt, die Deutung räumlicher Verhältnisse und zeitlicher Abläufe in unserem Sonnensystem. Sie basiert auf der Grundannahme, daß die sich aus solchen Verhältnissen ergebenden Rhythmen in Zusammenhang stehen mit physikalischen, biologischen und psychischen Abläufen in Organismen auf der Erde *21.
Wenn ein Kind geboren wird, so die Überzeugung der Astrologen, dann erfolgt die Geburt "eingebettet" in solche kosmischen Rhythmen. Sie erfolgt also nicht zu jedem beliebigen Zeitpunkt, sondern die Geburt erfolgt dann, wenn die Konstellationen passend sind. Ein Zitat aus einem Buch des amerikanischen Arztes Arnold LIEBER, der sich mit möglichen Einflüssen des Mondes auf biologische Systeme aus der Sicht des Mediziners beschäftigt hat, mag dies verdeutlichen:
"Schalentiere in Gezeitengewässern könnten ihr Zeitmaß dem Gezeitenwechsel entnehmen, oder sie könnten es auf andere Weise erhalten. Um die Rhythmisierung durch die Gezeiten zu untersuchen, ließ Dr. Brown für sein Labor in Evanston Austern von der Küste Connecticuts einfliegen. Von der Austern war bekannt, daß sie ihre Schalen bei Flut öffneten. Im Laboratorium wurden die Versuchsbedingungen so sorgsam wie möglich überwacht. Keine äußeren Einflüsse durften zu den Austern in ihre Seewasserbehälter gelangen.In der ersten Woche öffneten die Austern ihre Schalen zu den Zeiten, während derer auf ihren angestammten Bänken in Connecticut Fluten eintraten. Sie setzten ihren gewohnten Rhythmus fort. Nach Ablauf von zwei Wochen änderte sich allerdings ihr zeitliches Verhalten. Nun öffneten sie ihre Schalen, wenn der Mond im Zenit ihrer neuen Heimatstatt in Illinois stand. Wäre Evanston eine Küstenstadt, dann träte zu dieser Zeit die Flut ein." (LIEBER 1980, 72)
Wir haben hier ein solches Eingebettet-Sein in kosmische Rhythmen, für das uns allerdings wegen des Zusammenhangs von Mondstellung und Gezeiten auch eine naheliegende Erklärung zur Verfügung steht. Erstaunlich ist nur, daß die Austern als Zeitgeber nicht direkt auf den Wechsel von Ebbe und Flut reagieren, sondern auf den Mond. Es zeigt sich also, daß Organismen dazu in der Lage sind. Astrologen sind davon überzeugt, daß in weit komplizierterer und weniger augenfälliger Weise eine Einbettung aller lebenden Systeme (bzw. aller "Quasi-Organismen", siehe Anm. 21) in verschiedenste kosmische Rhythmen besteht, also nicht allein in Rhythmen, die durch den Mond erzeugt werden (Gezeiten) oder die durch die Stellung der Erde zur Sonne erzeugt werden (Jahreszeiten).
Da ein Kind also nur geboren wird, wenn die kosmische Situation passend ist, kann man aus der Konstellation im Moment der Geburt etwas über das Kind ableiten; denn ähnliche Menschen werden dann immer unter ähnlichen Konstellationen geboren werden. Dies würde zumindest gelten, solange in die natürlichen Abläufe in ihrer Abfolge und zeitlichen Struktur nicht gewaltsam eingegriffen wird, wie z. B. im Falle einer Geburt durch Kaiserschnitt oder, schwächer, im Falle einer medikamentös eingeleiteten Geburt. In diesen Fällen wäre die Konstellation kein so guter Indikator für die Wesensmerkmale des Kindes mehr.
Die Vorstellung, daß die Aussagemöglichkeiten der Astrologie auf einer Sensibilität von Organismen für kosmische Rhythmen beruhe *22, löst ein im Zusammenhang mit der Astrologie häufig diskutiertes Problem: Es geht um die Frage, ob es nicht eine zwingende Konsequenz der "Wahrheit" der astrologischen Lehre wäre, daß wir, daß unser Schicksal schon bei Geburt vollständig festgelegt sei (Willensfreiheit-Problem). Im Lichte der angedeuteten Vorstellung ist unser Leben zwar "eingebettet" in kosmische Rhythmen, ist aber durch diese Rhythmen nicht vollständig determiniert; genausowenig wie wir durch den Tag-Nacht-Rhythmus in unserem Schlafverhalten determiniert sind oder wie Winterschläfer durch den Jahreszeiten-Rhythmus im Winter zum Schlafen determiniert sind. Winterschläfer haben aber eine Neigung, im Winter zu schlafen. Vor diesem Hintergrund bekommt der bekannte Satz von THOMAS VON AQUIN: "Die Sterne machen geneigt, sie zwingen nicht", eine anschauliche Bedeutung.
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Kapitel 2.2: Das Horoskop
Arbeitsgrundlage des Astrologen ist das Horoskop. Dieser Begriff ist abgeleitet von "horoskopos": So hieß der am Osthorizont aufsteigende Tierkreisgrad, weil er "die Stunde anzeigt" (griech. hora = die Stunde, skopein = sehen, schauen). Das Horoskop ist die grafisch dargestellte Konstellation der Gestirne unseres Sonnensystems für den Moment der Geburt eines Menschen *23. Da auch für andere Zeitpunkte Horoskope erstellt werden, bezeichnet man das für den Moment der Geburt aufgestellte Horoskop genauer als "Radix-Horoskop" (von Radix = Wurzel). Man könnte das Horoskop als eine Art Himmelskarte bezeichnen, in der die Positionen der Gestirne unseres Sonnensystems relativ zum Stand des Beobachters - also ihre geozentrisch berechneten Koordinaten - eingetragen werden.*24
Abbild 1
Am Beispiel der Sonne sehen wir, daß es zwei grundlegende Rhythmen ihrer Bewegung gibt. Der tägliche Rhythmus (Wechsel von Tag und Nacht) beruht auf der Rotation unserer Erde um sich selbst. Da wir die Drehung der Erde nicht bemerken, scheint uns die Sonne morgens im Osten aufzugehen, mittags ihren höchsten Stand zu erreichen und abends im Westen unterzugehen. In ähnlicher Weise gilt dies auch für alle anderen Himmelskörper: Sie gehen im Osten auf, kulminieren etwa 6 Stunden später und gehen etwa 12 Stunden später im Westen unter.
Der zweite (jährliche) Rhythmus beruht auf der Revolution der Erde um die Sonne. Bedingt durch die Schrägstellung der Erdachse ist der Bogen, den die Sonne im täglichen Lauf am Himmel beschreibt, in unseren Breiten während bestimmter Perioden länger, d.h. die Tage sind länger als die Nächte. Genauer gesagt gilt dies für Frühling und Sommer: Der Nordpol ist ein halbes Jahr lang der Sonne zugewandt und die andere Hälfte des Jahres von der Sonne abgewandt. Auf diese Weise entstehen die uns bekannten Jahreszeiten. Nimmt man das Datum, an dem Tag und Nacht gleich lang sind und die Tage länger zu werden beginnen ("Frühlingsbeginn") zum Ausgangspunkt und teilt die Zeit bis zum nächsten Frühlingsbeginn (ein Jahr) in 12 gleiche Teile, dann ergeben sich ungefähr die Daten der populären Tierkreis-Typologie. Mit dem Frühlingsanfang beginnt das erste Zeichen des Tierkreises: der Widder. Denkt man sich die Raumabschnitte markiert, in denen sich die Sonne während dieser Zeiten aufhält, dann erhält man den "tropischen Tierkreis" - von Griech.: tropai = Wendepunkt, den von den Wendepunkten der Sonne (damit auch den von den Jahreszeiten) abgeleiteten Tierkreis - *25.
Vor etwa 2000 Jahren deckten sich diese 12 Tierkreiszeichen ungefähr mit den 12 Sternbildern gleichen Namens, die man als Fixstern-Konfigurationen am Himmel sehen kann (s.u.). Diese 12 Sternbilder des siderischen Tierkreises dürfen nicht mit den Tierkreiszeichen des tropischen Tierkreises verwechselt werden. Sie liegen zwar ebenfalls in der Ebene der Sonnenbahn, haben jedoch eine unterschiedlich große räumliche Ausdehnung und sind zudem auf der Ebene der Sonnenbahn nicht klar voneinander trennbar, d.h. es ist nicht klar entscheidbar, ob die Sonne sich noch in dem vorherigen oder schon im nachfolgenden Sternbild aufhält, da die Bilder sich gegenseitig überlappen. Die Babylonier arbeiteten mit dem siderischen Tierkreis. Seit der Zeit der Griechen (genauer: seit PTOLOMAEUS) ist jedoch der tropische Tierkreis in Gebrauch. (KNAPPICH 1967, 51)
Der Tierkreis ist eine Art Meßkreis: Er ist eine Aufteilung der Sonnenbahn in 12 Abschnitte, die im Falle des tropischen Tierkreises alle gleich groß sind (30 Grad je Zeichen). Sein Anfangspunkt orientiert sich im Falle des tropischen Tierkreises am Beginn des "natürlichen" Jahreszyklus (dem Jahreszeiten-Zyklus), im Falle des siderischen Tierkreises an bestimmten Fixstern-Konfigurationen. Welchen Tierkreis man wählt, ist eine Frage der Entscheidung (und Erfahrung): Unsere astrologische Tradition beruht auf der Verwendung des tropischen Tierkreises, und die Erfahrungen der Astrologen in den zurückliegenden mindestens 2000 Jahren sind mit diesem Tierkreis gewonnen worden.
Da sich zur Zeit der Babylonier beide Tierkreise nahezu deckten, war damals durch das Sammeln von Erfahrungen kaum zu entscheiden, welcher der beiden Tierkreise der "richtige" ist *26. Die Griechen entschieden sich für den tropischen Tierkreis und behielten die Namen für die 12 Abschnitte bei. (a. a. O.)
Der Unterschied zwischen Sternbild und Tierkreiszeichen beruht auf der sog. Präzession *27: Der Ort, an dem die Sonne zu Frühlingsbeginn steht (der Frühlingspunkt: Beginn des tropischen Tierkreises), wandert im Laufe von etwa 26.000 Jahren im Uhrzeigersinn durch den siderischen Tierkreis, so daß sich der tropische Tierkreis im Laufe von etwa 2000 Jahren jeweils um 30 Grad gegen den siderischen Tierkreis verschiebt. Der tropische Tierkreis beginnt also heute da, wo das Sternbild Wassermann am Himmel zu sehen ist *28. Ausführliche Erläuterungen hier.
DieseTatsache stiftet immer wieder allerlei Verwirrung. So wird die Verschiebung der beiden Tierkreise immer wieder so formuliert, als stimme der Tierkreis nicht mehr, als seien die Tierkreiszeichen jetzt "in Wirklichkeit" an einer ganz anderen Stelle, als die Astrologen behaupten. Bei diesem Argument wird der Unterschied zwischen Tierkreiszeichen und Sternbild nicht gemacht. Dieses Argument gegen Astrologie zu verwenden, wie es seit Jahrhunderten immer wieder aufgewärmt wird (DITFURTH 1977, WIECHOZCEK 1984), zeugt also von einem beachtlichen Mangel an Verständnis der Zusammenhänge. Sinn macht ein solches Gegenargument zudem nur, wenn man unterstellt, der Kosmos-Bios-Zusammenhang basiere auf "Wirkungen" dieser weit entfernten Sternkonfigurationen. Diese Ansicht vertritt aber heutzutage kein ernstzunehmender Astrologe. Schließlich wird bei diesem Gegenargument übersehen, daß die Präzession schon den babylonischen Astrologen bekannt war und ihr Wert erstmals von HIPPARCH (190-120 v.Chr.) berechnet wurde. Die Präzession ist sogar Grundlage der Lehre von den Welt-Zeitaltern, wie oben kurz angedeutet wurde. Den Astrologen zu unterstellen, sie wüßtennichts von der Präzession, oder sie würden sie nicht berücksichtigen, ist allein schon im Hinblick auf diese heute doch populäre astrologische Lehre der Zeitalter geradezu unlogisch und zeugt von der mangelnden Kompetenz vieler Astrologie-Kritiker - zumindest in bezug auf das Gebiet, das sie kritisieren.
Die 12 Stationen der Sonne, Tierkreiszeichen genannt, bilden für Astrologen auch das Koordinaten-System, in das sie die Positionen der anderen Himmelskörper und Raumpunkte, die sie für ihre Deutung benutzen, projizieren. In Abb. 1 sehen wir die Positionen der Planeten in ihrer Projektion auf die Ekliptik eingetragen. Wir sehen z. B., daß der Mond sich im achten Abschnitt nach dem Frühlingspunkt, Skorpion genannt, befindet, die Sonne im sechsten, Jungfrau genannt. Neben dieser Einteilung in die 12 Tierkreiszeichen sehen wir in der Abb. noch eine weitere Einteilung in ebenfalls 12 Abschnitte, deren Zählung links am Aszendenten beginnt. Diese Einteilung hat etwas zu tun mit der Stellung der Gestirne, bezogen auf den Horizont des Geburtsortes im Moment der Geburt: Ganz unabhängig davon, in welchem Abschnitt der Ekliptik die Sonne steht, d.h. in welcher Jahreszeit wir uns befinden: die Sonne kann im Moment der Geburt über dem Horizont stehen (Tag) oder unter dem Horizont (Nacht). Ebenso können auch die anderen Gestirne über oder unter dem Horizont stehen. Die Linie von Aszendent zu Deszendent in der Zeichnung symbolisiert den Horizont am Geburtsort für den Moment der Geburt, bzw. allgemeiner: für den Moment des astrologisch zu erfassenden Ereignisses *29. Ein bestimmter Abschnitt der Ekliptik (hier: Skorpion) steht in diesem Moment gerade im Osten (geht gerade auf). Wir nennen den Abschnitt Aszendent (von lat.: ascendere = aufsteigen). In diesem Muster-Horoskop befindet sich auch der Mond im gleichen Abschnitt, geht also ebenfalls gerade auf.
Um die Position der Himmelskörper bezüglich des Horizont-Systems präziser fassen zu können, teilen Astrologen die Ekliptik, ausgehend vom Aszendenten, nach bestimmten Methoden in 12 Teile - analog den am Frühlingspunkt beginnenden 12 Abschnitten, den Tierkreiszeichen -, die man "Felder" oder "Häuser" nennt. Sie sind in der Abb. mit den Zahlen 1 bis 12 gekennzeichnet *30.
Schließlich bilden alle Himmelskörper und Bezugspunkte in der Ebene der Ekliptik paarweise einen Winkel miteinander. Solche Winkel, die im Rahmen einer tolerierten Ungenauigkeit ("Orbis" genannt) der Teilung des Kreises durch ganze Zahlen entsprechen (also Winkelgrade von 180, 120, 90, 72 usw.), werden von Astrologen als "bedeutsam" erachtet. Sie heißen "Aspekte" und werden in der Zeichnung durch eine Verbindungslinie zwischen den beteiligten Deutungselementen gekennzeichnet.
Die Zeichnung in Abb. 1, das "Horoskop", ist ein "objektives" Abbild der kosmischen Situation in unserem Sonnensystem für einen bestimmten Moment. Es beinhaltet keine Interpretation, sondern nur eine Entscheidung über die Wahl der Koordinaten-Systeme für die Eintragung der beobachteten oder errechneten Positionen der Gestirne und anderen astronomischen Bezugspunkte. Diese Koordinaten-Systeme sind, physikalisch betrachtet, alle "gleichberechtigt". Unterschiedliche Auffassungen könnte es allerdings darüber geben (und gibt es auch unter den Astrologen), welche astronomischen Gegebenheiten (Gestirne, Aufgangs- und Kulminationspunkt, Winkel, Raumteilungen usw.) für die Deutung relevant sind. Die Berechnung der jeweiligen Deutungselemente ist eindeutig; nicht eindeutig ist die Frage, ob sie etwas bedeuten und was sie bedeuten.
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Kapitel 2.3: Die Deutung des Horoskops
Wir müssen also unterscheiden zwischen den verwendeten Deutungselementen, d.h. den zur Deutung verwendeten astronomischen Gegebenheiten im weiteren Sinne, und der Bedeutung, die diesen Deutungselementen gegeben wird, d.h. den Interpretations-Regeln.
An dieser Stelle werden wir in der Astrologie mit einem ähnlichen Problem konfrontiert wie in der Psychotherapie: Die Astrologie gibt es nämlich genausowenig wie es die Psychotherapie gibt. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Schulen oder Richtungen sind ebenso beträchtlich wie die Unterschiede zwischen den einzelnen therapeutischen Schulen. Umso erstaunlicher ist es, daß sich die deutschen (und später auch Schweizer) Astrologen auf ein Grundsatzpapier haben einigen können, in dem die, ungeachtet aller methodischen Differenzen bestehenden, Gemeinsamkeiten formuliert worden sind. *31
Um ein gewisses Maß an Geschlossenheit in der Darstellung erreichen zu können, möchte ich die Grundgedanken, sowohl was die verwendeten Deutungselemente als auch was die Interpretations-Regeln angeht, an der als "Klassische Astrologie" bekannten Richtung darstellen. Neben der klassischen Astrologie gibt es eine Reihe sog. "moderner" Richtungen, die sich von der klassischen Astrologie zwar nicht grundlegend unterscheiden, wie das oben erwähnte Grundsatzpapier belegt, die jedoch in der Methodik und den verwendeten Deutungselementen z. T. beträchtlich von überlieferten Regeln abweichen *32. Auch der Begriff "Klassische Astrologie" ist leider nicht eindeutig: Im allgemeinen meint man damit die Orientierung an den auf die Griechen zurückgehenden Deutungselementen, deren Interpretation allerdings entsprechend dem heutigen Stand unseres Wissens über körperliche und psychische Abläufe erfolgt (s.u.).
Die hellenistische Astrologie ist ein Mischprodukt aus babylonischen, ägyptischen und orientalischen Einflüssen mit griechischer Mathematik und Naturphilosophie. Die Krönung des griechischen Lehrgebäudes erfolgte durch POSIDONIUS VON APAMEIA (um 100 v.Chr.), einen syrischen Philosophen. Das älteste erhaltene systematische Lehrbuch der Astrologie, das "Tetrabiblos" des PTOLOMAEUS (120-180 n.Chr.), ruht nachweislich auf seinen Lehren (KNAPPICH 1967, 9).
Im ersten Buch des Tetrabiblos (Vierbuch) behandelt PTOLOMAEUS die astrologischen Elemente. Er bemüht sich dabei, alles in Anlehnung an die griechische Mythologie Geschaffene durch rationale, physisch-kausale Elemente zu ersetzen, versucht auch, die "Scheingründe" zu widerlegen, "womit einige diese Wissenschaft verunglimpfen" (1822, 9). Das zweite Buch behandelt die allgemeine und politische Astrologie. Hier sagt er, auf einen beliebten Einwand anspielend, daß das Allgemeine, Generelle (z. B. Massenkatastrophen) stets dem Individuellen, dem Einzelschicksal vorangehe (S. 25ff).
Man sieht, wie alt die Spannung zwischen Magie und Ratio in der Astrologie ist: Sie soll nicht magisch sein und kann, so wie sie war und auch heute noch ist, nicht vollends rational aufgelöst werden. Andererseits ist hier schon vor fast 2000 Jahren ein Gedanke ausgedrückt, der heute bei Thomas RING und der von ihm vertretenen "Revidierten Astrologie" unter dem Stichwort Aussagegrenze wiederzufinden ist. (RING 1956, 51ff)
Thomas RING ist der im deutschsprachigen Raum wohl bekannteste Vertreter der Klassischen Astrologie, wie sie, von kleineren Abweichungen abgesehen, heute i.d.R. verstanden wird. Seine Lehrbücher gehören aber auch in vielen anderen Richtungen zu den Standardwerken (RING 1956, 1969a, 1969b).
RING unternimmt den Versuch, eine Brücke zu schlagen zwischen den Bildern und Symbolen der astrologischen Tradition und modernen biologischen und tiefenpsychologischen Erkenntnissen. In der langen Geschichte der Astrologie wurden den Bildern und Symbolen immer wiederauch konkrete, auf den Alltag beziehbare "Entsprechungen" - oft in Form kochbuchartiger Rezepte - beigegeben, deren Ursprung in diesen Symbolen dann vergessen wurde, so daß sie als starre, fatalistische Regeln Anwendung fanden. Solche Entsprechungen, die aus mittelalterlichen Lehrbüchern gut bekannt sind (MATERNUS 1975), enthalten teilweise allerdings auch sorgfältige Beobachtungen, und RING versucht in seinen Büchern, aus diesen Beobachtungen wieder das Ursprüngliche oder Eigentliche der Bedeutung herauszuschälen. Auf diese Weise wird gleichzeitig die fatalistisch mißzuverstehende Entsprechungsregel relativiert.
Es ist ein "hermeneutisches" Vorgehen, den Sinn des überlieferten Gebäudes Astrologie auf seine "Ur-Bedeutung" hin zu untersuchen, Beimengungen und Ballast aussondernd. Neue Erkenntnisse werden in das Gebäude aufgenommen, wenn sie "denknotwendig und empirisch bewährt" sind, wie Thomas RING es in einem Gespräch mit dem Verfasser einmal ausdrückte.
So wie es beim hermeneutischen Prozeß immer schon eines Vorverständnisses bedarf, das den Rahmen möglicher Ergebnisse der Deutung zugleich erst ermöglicht und auch begrenzt ("Hermeneutischer Zirkel"), bedarf es für die Astrologie dieser Art einer Vorstellung über die Natur des Zusammenhangs Kosmos-Mensch. Dieser wird aufgefaßt als ein mit den Mitteln kausal-analytischer Forschungsweise nicht voll erfaßbarer "Entsprechungszusammenhang" (siehe dazu Kapitel 4).
Ähnlich wie für PTOLOMAEUS gelten für Thomas RING Aussagen aus dem Horoskop nur relativ, und zwar vor dem Hintergrund eines aus dem Horoskop selbst nicht erschließbaren biologischen "Erbes einschließlich der Individuationsstufe, der Umwelt einschließlich der sozialgeschichtlichen Lage sowie endlich des SELBSTBESTIMMENDEN FAKTORS (Hervorhebung d. Verf.)." (1956, 52)
Individuationsstufe bedeutet ihm dabei das Maß der Entwickeltheit an sich vorhandener Anlagen. Die Entwicklung eigener Anlagen wird ja immer durch die Möglichkeiten der entsprechenden Kultur begrenzt, aber auch durch individuelle Lebensumstände. Daher können eine Reihe von Entsprechungen, die für einen Europäer möglich sind, nicht auf einen Indianer angewandt werden, aber auch solche, die für einen hochdifferenzierten Menschen anwendbar sind, nicht auf einen undifferenzierten Menschen angewandt werden. Ein grobes - allerdings oft fehlleitendes - Maß dieser sog. Differenziertheit ist dem "blind" diagnostizierenden Astrologen das Bildungsniveau - objektivierbar meist nur als Aus-Bildungsniveau.
Die Individuationsstufe bestimmt also die Differenziertheit der möglichen Deutung mit. Fast noch wichtiger ist RING der selbstbestimmende Faktor: So wie Niveaufragen, so sind auch Fragen der ethischen Haltung auf der Basis des Horoskops allein nicht beantwortbar. Man kann eben ein und dasselbe "Thema" (*33) auf sehr unterschiedliche Weise "leben".
Eigentlich müßte diese Einschränkung bei der Deutung, fatalistischen Vorstellungen zum Trotz, jedem Astrologen einleuchten, wenn er sich klar macht, daß die Interpretation eines Horoskops ja für alle Menschen möglich sein soll: für "primitive" wie für "hochzivilisierte", für den römischen Soldaten wie für den NATO-Offizier, für den afrikanischen Zulu wie für den englischen Oxford-Studenten, für den Rentner wie für den Bundeskanzler. Nun arbeitet die Astrologie aber nur mit einer begrenzten Zahl von Symbolen, und es ist einleuchtend, daß die Entschlüsselung dieser Symbole jedesmal in der konkreten Entsprechung etwas anderes bedeuten muß, wenn man sie auf einen Zulu anwendet oder den Bundeskanzler, daß nur das Prinzipielle in beiden Fällen gleich sein kann.
So sind Aussagen über Geld z. B. nur sinnvoll in einer Gesellschaft, in der es Geld oder zumindest Tauschhandel gibt. Da aber ein und dieselbe Gestirnkonstellation potentiell Aussagen für ein Neugeborenes in jedem Teil der Erde abzuleiten gestattet (gestatten müßte), können die gesellschaftlichen Umstände nicht aus der Gestirnkonstellation erschlossen werden; also können auch Geldangelegenheiten nicht direkt in astrologischen Symbolen verschlüsselt sein.
Thomas RING dazu: "Wenn das zweite Feld vulgär das 'Haus der Finanzen' heißt, so trifft dies zweifellos die meist erfragte Seite der Auswirkungen. Für den Durchschnitt der Menschen steht Erwerb und Besitz im Mittelpunkt, sofern sich die Sonne in diesem Feld befindet. Die Bedeutung des EIGENTUMS indes besteht nicht in der privaten Finanzlage als solcher, sondern in der sicheren GRUNDLAGE DER EIGENPERSON ..., und was als 'Aneignungstrieb' hierher gehört, hängt ab von der materiellen Lage, in die man hineingeboren ist, der Entwicklungshöhe und manchem anderen. Niemand kann von Karl MARX (Sonne im 2. Feld im Stier) *34 behaupten, daß er persönlich Reichtümer zu sammeln bestrebt war. Als Student sprang er unbekümmert mit den Mitteln des Vaters um, später, besonders infolge der großzügigen Unterstützung durch Friedrich Engels, regelten sich ihm die materiellen Verhältnisse im ganzen genommen ohne sein Zutun. Dennoch, eben dadurch ermöglicht, kam die Lebensaufgabe zum Vorschein, die im zentralen Punkt seiner Struktur vorgezeichnet lag: die geschichtlichen Vorgänge aus dem Besitz an gesellschaftlichen Produktionsmitteln zu erklären." (1969, 52)
Es gibt, in jeder konkreten Umwelt "ausgetretene Pfade" für die Kanalisierung bestimmter Ur-Bedürfnisse und grundlegender Konflikte. Das Verhältnis zum Ur-Thema "materielle Sicherheit" manifestiert sich in unserer Kultur am einfachsten im Verhältnis zum eigenen Bankkonto. Daß das nicht zwingend so sein muß, macht das Beispiel von Karl Marx einsichtig, daß es aber in den meisten Fällen so ist, könnte die Ursache der subjektiven Sicherheit "fatalistisch deutender" Astrologen sein. Nur "der Weise" regiert eben seine Sterne (um noch einmal THOMAS VON AQUIN zu zitieren).
Für Thomas RING symbolisieren die astrologischen Deutungselemente biologische Grundprinzipien und, damit im Zusammenhang stehend, psychologische Ur-Sachverhalte: Versucht man einmal, das Phänomen "Leben" nicht nach biologischen (biophysikalischen, biochemischen) Ordnungsprinzipien einzuteilen, sondern sucht nach übergreifenden, auf alles Lebendige gleichermaßen anwendbare Prinzipien, Grundnotwendigkeiten des Lebens schlechthin, so findet man, recht gedeutet, im System der Astrologie dafür ein gutes Vorbild. In der beschriebenen Form wurde das wohl erstmals von dem französischen Biologen R.H. FRANCE in seinem Werk "Bios" (1921) getan. Thomas RING lehnte sich an das System von FRANCE bei der Formulierung seiner "Revidierten Astrologie" auch an.
Der Planet Saturn verkörpert in diesem Sinne das biologische Grundprinzip "Integration". Damit sind auf der biologischen Ebene die im Organismus wirksamen Mechanismen der Wahrung der "Integrität" des Organismus gemeint. Zu diesen Mechanismen gehören neben anderen (z. B. der Formgebung und Abgrenzung) sicherlich solche, die die Unversehrtheit (Sicherheit) des Organismus gewährleisten müssen. Der Schutz der körperlichen Unversehrtheit erfordert ein hochkomplexes Interagieren von Systemen, wobei u.a. die Organe der Schmerzempfindung eine besondere Rolle spielen: Schmerz als Alarmsignal oder Hinweisreiz auf eine innere oder äußere Gefahr. Unter dem Gesichtspunkt der Sicherung entspricht dem Schmerz auf einer mehr psychischen Ebene die Angst. Auch Angst ist ein Hinweisreiz, ein Alarmsignal.
Die Stellung Saturns im Horoskop eines Individuums gibt nun nach Auffassung der Astrologen Auskunft darüber, welchen prinzipiellen Stellenwert der Antrieb "Sicherung der Unversehrtheit" im Vergleich zu anderen Antrieben für dieses Individuum hat und in welcher prinzipiellen Art und Weise dieser Antrieb sich zu realisieren wünscht.
Eine "dominante" Stellung Saturns in einem individuellen Horoskop würde auf einen im Vergleich zu anderen Antrieben stark ausgeprägten Sicherheits-"Trieb" schließen lassen. Psychisch betrachtet würden Sicherheit - und damit indirekt i.d.R. auch Angst und Schmerz - zum Thema für das betreffende Individuum. Eine dominante Stellung Saturns wäre also eine Art Indikator für die besondere Sensibilität diesem Thema gegenüber. Selbstverständlich hat eine solche Sensibilität lebensgeschichtlich dann meist auch Folgen: Das Individuum tendiert dazu, diesen Themenbereich akzentuiert wahrzunehmen, wodurch im Laufe der Zeit entsprechende Ausrichtungen der Interessen und Handlungen wahrscheinlich werden.
Ein andere Antriebskraft im gerade beschriebenen Sinne wird von FRANCE mit dem Begriff "Selektion" bezeichnet: die allem Lebendigen zum Überleben notwendig innewohnenden Tendenz, sich Lebensraum zu erkämpfen bzw. diesen zu verteidigen. Dieses Prinzip, diese Antriebskraft wird astrologisch durch den Planeten Mars symbolisiert.
Planeten repräsentieren also grundlegende Antriebe, die als charakteristisch für Lebendiges schlechthin angesehen werden, "Grundnotwendigkeiten" für die Existenz von Leben. Die Astrologie faßt dabei Phänomene zu einer Einheit zusammen (Organsysteme, psychische Verfassungen, Handlungen und Schicksalstendenzen), die in der uns vertrauten "analytischen" Denkweise u.U. schwer auf einen Nenner zu bringen sind. Es handelt sich eben um Symbole *35, genauer: um "Archetypen des kollektiven Unbewußten" (JUNG 1976. Siehe auch Anm. 26). Symbole repräsentieren komplexe, ggf. in sich widersprüchliche Sachverhalte, die analytisch, manchmal mit den Mitteln der Sprache überhaupt, nicht vollständig ausdrückbar sind (siehe Kap. 4.3).
Jeder Planet wird nun nach seiner Stellung im Tierkreis und in den Feldern in seiner Bedeutung näher bestimmt. Die Stellung in den Tierkreiszeichen gibt einen Hinweis auf die Art und Weise, den "Stil" der Äußerung des durch den Planeten symbolisierten Antriebs. In bezug aufdie Deutung der Saturnstellung ginge es also um die Frage, in welcher grundlegenden Weise der Sicherheits-"Trieb" gelebt wird. Bei einer Stellung des Saturns im Zeichen Stier würde sich der Antrieb "stierhaft" realisieren, was unter einem bestimmten Blickwinkel als die Tendenz zur Beharrung erscheinen würde, bei der Veränderung als potentielle Gefahr empfunden wird. Im Zeichen Jungfrau wäre die dominierende Form der Befriedigung der eigenen Sicherheitsbedürfnisse vielleicht Genauigkeit, Sorgfalt. Im Zeichen Widder vielleicht eine "immerwährende Kampfbereitschaft" usw.
Die Tierkreiszeichen bestimmen also die "Äußerungsdynamik" eines Antriebs. - Die Felder schließlich repräsentieren grundlegende "Erfahrungsbereiche", grundlegende "Themen", die für alles Leben gleichermaßen bedeutsam sind. Das schon angesprochene 2. Feld z. B. repräsentiert das Thema"Bereitstellung (Beschaffung) der materiellen Grundlagen der Existenz"; das 5. Feld das Thema "Fortpflanzung", das 10. Feld das Thema "meine Position in dem Kollektiv, dem ich angehöre": Im Falle eines Menschen ist das die Gesellschaft, der Stamm, die Nation usw., im Falle eines Huhnes die Stellung in der "Hackordnung".
Das Feld, in dem Saturn bei der Geburt steht, wäre der Erfahrungsbereich, in dem mein Sicherheits-Trieb besonders stark ausgeprägt ist. Sollte Saturn im Feld 2 stehen, würde also ein besonderes Bedürfnis nach materieller Sicherheit gefolgert werden, das im Extrem durchaus zu Geiz führen kann. In der "Vulgär-Astrologie" wird aus dieser Ableitung der möglichen psychischen Bedingungen für geiziges Verhalten die starre, fatalistische Regel: Saturn im 2. Feld bedeutet Geiz.
Die letzte wesentliche Gruppe klassischer Deutungselemente sind die Winkelbeziehungen zwischen den Planeten und Bezugspunkten des Horoskops, die Aspekte. Stehen zwei Planeten miteinander im Aspekt, so wird das als ein Aufeinander-Bezogen-Sein dieser beiden Antriebe gedeutet. Astrologen unterscheiden dabei zwei grundlegende Klassen von Aspekten: die analytischen und die synthetischen Aspekte. Zwei in einem analytischen Aspekt zueinanderstehende Planeten symbolisieren zwei Persönlichkeitsanteile, die für den Horoskopeigner schwer "auf einen Nenner" zu bringen sind; ein synthetischer Aspekt dagegen deutet auf die Fähigkeit, selbst da eine Synthese finden zu können, wo sie dem äußeren Beobachter evtl. schwer möglich erscheint.
Diese Art der Deutung sei am Beispiel eines Aspektes zwischen Mars und Saturn verdeutlicht.Wenn man vereinfachend Mars für den Drang nach Durchsetzung und Saturn für das Sicherheitsbedürfnis setzt, so würde ein analytischer Aspekt zwischen beiden auf einen Konflikt zwischen selbstbehauptenden und sichernden Impulsen im Individuum hindeuten. Das Individuum tendiert dazu, eine Befriedigung seiner Bedürfnisse nach Selbstbehauptung als gefährlich zu erleben, eine Befriedigung seiner Sicherungsbedürfnisse entsprechend als einschränkend und als Selbstbeschneidung. Es ist also für diese Konflikt-Dimension im Leben aufgrund seiner "kosmischen Natur" besonders sensibilisiert. Dies wird, wie man sich leicht vorstellen kann, wiederum zu charakteristischen Handlungsweisen und Schicksalstendenzen führen. Es ist nachvollziehbar, daß Thomas RING zu diesem Aspekt das Stichwort "Affektstau" angibt.
Die gleichen zwei Planeten in einem synthetischen Aspekt zueinander würden beim Horoskopeigner dagegen die Fähigkeit symbolisieren, beide Persönlichkeitsdimensionen zu einer "Synthese" zu führen. Eine naheliegende Form der Realisierung könnte durch das Motto: "Angriff ist die beste Verteidigung" ausgedrückt werden.
Die analytischen Aspekte, die den Akzent auf das "Unvereinbare" zweier Persönlichkeitsanteile legen, schaffen i.d.R. Probleme mit sich selbst und der Welt. Diese Aspekte haben daher in der Vulgär-Astrologie einen schlechten Ruf. Sie scheinen dem Glück im Wege zu stehen. Man kann sie aber auch als Herausforderungen sehen. Sie schaffen Problembewußtsein. Ein solches Problembewußtsein ist häufig die Vorbedingung für Lernen und damit für Erfolg:Dies ist die "aufgeklärte" Deutung analytischer Aspekte, die früher, im Gegensatz zu den "harmonischen" (synthetischen), die "disharmonischen" oder einfach die "schlechten" Aspekte genannt wurden.
Deutet man die Position aller Planeten in der angedeuteten Weise bezüglich ihrer Stellung in Tierkreis und Feld sowie den Aspekten zueinander, so erhält man ein differenziertes Bild einer Persönlichkeits-Dynamik. Das Vorgehen hat, sieht man von den verschiedenen "Ausgangs-Daten" ab, Ähnlichkeit mit der Deutung einer Handschrift oder der Interpretation eines (projektiven) Tests.
Die hier beschriebene Art, Astrologie aufzufassen, entspricht, von methodischen Einzelheiten abgesehen, der heute allgemein akzeptierten Auffassung über Astrologie. Dies wird zum einen durch das "Thesenpapier astrologischer Vereinigungen" dokumentiert (siehe Anm.31), zum anderen durch die (erfolgreichsten) astrologischen Neu-Veröffentlichungen: Diese stammen nämlich in vielen Fällen von Psychotherapeuten (ARROYO 1981, GREENE 1978, RIEMANN 1976) oder zeigen eine eindeutige Orientierung in Richtung Psychologie (MEYER 1980, MERTZ 1979).
Natürlich gibt es weiterhin eine "astrologische Grauzone" sowie die von seriösen Astrologen als "Vulgär-Astrologie" bezeichnete "Wahrsagerei" in den Horoskopspalten der"Regenbogen-Presse". Da Astrologieoffiziell nicht ernst genommen wird, so daß die Ausübung der astrologischen Beratungstätigkeit keiner Kontrolle unterliegt *36, können ernsthaft arbeitende Astrologen sich derzeit schlecht dagegen wehren, mit solchen Randerscheinungen "in einen Topf geworfen" zu werden. Jedermann darf sich derzeit Astrologe nennen, Beratungen durchführen und Artikel oder Bücher schreiben. Von dieser Freiheit wird, leider nicht zum Wohle der Astrologie, ausgiebig Gebrauch gemacht.
Darüberhinaus wird neben dieser Form der Deutung des sog. "Radix-Horoskops" weiterhin astrologische Prognose betrieben. Sie hat jedoch ein weit geringeres Gewicht als allgemein angenommen wird, wie sich leicht an den Themen auf astrologischen Fachtagungen und Kongressen belegen ließe. Auch der Zweig der Mundan-Astrologie (auf ganze Kollektive bezogene Formen der Deutung von Konstellationen) sowie der Wirtschafts-Astrologie (Firmen-Horoskope) erfreut sich nach wie vor regen Interesses. All diese Zweige der Astrologie sollen nicht Gegenstand der Erörterungen in dieser Arbeit sein.
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Kapitel 3:
Dieses Kapitel stammt vollständig als „Langzitat“ aus der Dissertation von Dr. Peter Niehenke: Kritische Astrologie. Zur erkenntnistheoretischen und empirisch-psychologischen Prüfung ihres Anspruchs.
- Verlag: J. Kamphausen Verlag (1987)
- ISBN-10: 359108252X
ISBN-13: 978-3591082525 .
Ich danke Dr. Niehenke ganz herzlich für die Erlaubnis, seinen Text in dieser Schrift verwenden zu dürfen.
Wie ist zuverlässige Erkenntnis möglich?
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Kapitel 3: Einleitung
"Galileis Meinung über die Theorie, nach der die Gezeiten vom Mond verursacht seien, lautete kurz und bündig: 'Astrologischer Unsinn'." *37
Es ist eine grundlegende menschliche Erfahrung, daß wir uns täuschen können. Wir sehen etwas, das nicht existiert, weil wir beim Sehen auch immer etwas in die Welt "hineinsehen" (z. B. "Gestalten"), wir übersehen etwas, das doch da ist, weil wir es da nicht erwarten. Wir schließen oder folgern, aber wir irren uns, weil wir Parameter nicht berücksichtigt haben, die Gesetze nicht genügend kennen oder weil unsere Ableitungsregeln falsch sind oder fehlerhaft benutzt wurden. Wir deuten, doch unsere Interpretation (eines Gesichtsausdrucks vielleicht) erweist sich als falsch usw.
Wenn wir uns täuschen, so können wir in vielen Fällen die Täuschung direkt erkennen: Wir erreichen erstrebte Ziele nicht, erwünschte Effekte bleiben aus. Es gibt jedoch sehr viele Fälle, in denen wir nicht auf diese Weise korrigiert werden (können), z. B. wenn die von uns bewirkten Effekte vieldeutig sind, wenn Tatsachen unterschiedlich interpretiert werden können. In der Rechtsprechung ist die Folge ein "Justiz-Irrtum" (besonders bei sog. Indizien-Beweisen), in den Wissenschaften allgemein ein (partiell) falsches Weltbild, im Alltag spricht man von "Aberglauben". Die menschliche Geschichte ist voll solcher Irrtümer, und in fast allen Fällen handeln (handelten) die betroffenen Menschen mit einem Gefühl großer subjektiver Sicherheit.
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Kapitel 3.1: Die Relativität erkenntnistheoretischer Positionen
Welche grundsätzlichen Möglichkeiten haben wir, uns gegen Täuschung zu sichern? In der Auseinandersetzung mit dieser Grundfrage aller Erkenntnistheorie: "Wie ist zuverlässige Erkenntnis möglich?" (HABERMAS 1973, 11) wird uns heute nach Jahrtausende langem Suchen *38 die Relativität und Vorläufigkeit einer jeden erkenntnistheoretischen Position deutlich. "Jeder einseitige Wissenschaftsbegriff mußte bisher zurückgenommen werden; der Fortschritt der Wissenschaft ist eine einzige Geschichte der Zertrümmerung einseitiger Wissenschaftsbegriffe, wie sie jeweils nach dem Vorbild e i n e r Wissenschaft gebildet worden sind." (ROMBACH 1974a, 13) "Man muß es daher jeder Wissenschaft selbst überlassen, was sie als legitime Methode ansieht und welche Aussagen sie daher als 'wissenschaftliche' Aussagen anzunehmen geneigt ist." (SEIFFERT 1974, 79)
Wir bewegen uns in der Erkenntnistheorie offenbar nicht auf einem "gesicherten Boden", sondern in der Sphäre des Meinens. Wie anders ist es möglich, daß in der Philosophiegeschichte gerade die Größten häufig das Gegenteil dessen vertreten, was ihre ebenso "großen" Kollegen vertreten? Es handelt sich offensichtlich um Standpunkte, zumindest was die elementaren Grundentscheidungen angeht, die am Anfang jeder Philosophie stehen.
Überwiegt bei den früheren Philosophen bezüglich dieser Standpunkte noch die Auffassung, daß es sich dabei um evidente Sachverhalte, um Axiome im Sinne "erster, unvermittelter Einsichten" handle, so z. B. bei ARISTOTELES (HIRSCHBERGER 1965, 177), aber auch noch bei DESCARTES *39, so sehen spätere Philosophen darin oft nur noch Setzungen,zu denen man sich entscheiden muß - so z. B. FICHTE (1762-1814) *40. HᅵBNER (1978, 200ff, 269ff) hebt allerdings hervor, daß diese Setzungen nicht völlig willkürliche sind, wenn sie auch nicht notwendig sind: Sie sind in einer gegebenen historischen Situation mehr oder weniger angemessen, und ihre Angemessenheit läßt sich begründen. Die Berechtigung der zuletzt genannten Auffassung wird am Beispiel der Geometrie besonders deutlich: Die Entwicklung der nicht-euklidischen Geometrie zeigt, daß auch sehr plausible und "unmittelbar einsichtige" Annahmen - die Axiome der euklidischen Geometrie -, die zwei Jahrtausende unangetastet gegolten haben, nur für bestimmte Bereiche der Wirklichkeit angemessen, fruchtbar sind. Ebensolches gilt für die scheinbar selbstverständlichen Regeln der Aristotelischen Logik, die zur Beschreibung von Vorgängen im Bereich der Elementarteilchen offensichtlich nicht ausreichend sind und modifiziert wurden ("Quantenlogik") *41.
Trotz aller Relativität der Standpunkte im eben angesprochenen Sinne hat die Wahl eines solchen Standpunktes einschneidende Folgen. Die daraus folgenden Setzungen prägen ggf. Jahrhunderte hindurch das, was Menschen zulassen und weiterverfolgen oder verwerfen, was sie wachsen lassen oder bekämpfen. *42 Heutzutage gilt das Etikett "wissenschaftlich" vielen als "Gütesiegel" einer Erkenntnis. Wissenschaftlich gilt als Synonym für objektiv, gesichert oder zumindest geprüft, manchmal einfach als Synonym für vernünftig (siehe Anm. 56), im Gegensatz zu subjektiv, geglaubt oder irrational. Doch dieser Standpunkt ist überholt. "Es gibt weder absolute wissenschaftliche Tatsachen, noch absolut gültige Grundsätze, worauf sich wissenschaftliche Aussagen oder Theorien im strengen Sinne stützen oder mit deren Hilfe sie zwingend gerechtfertigt werden können." (HᅵBNER 1978, 190). Wir vergessen gern, wie eng bei den Pionieren unserer heutigen Weltsicht (Descartes, Galilei, Newton, Leibniz) rationale Argumentation mit "irrationalen" Glaubenssätzen, religiösen Überzeugungen verknüpft war, oft von daher sogar die Rechtfertigung für bestimmte wissenschaftliche Axiome genommen wurden (HᅵBNER, 1985, 28ff).
Das Argument, daß es keine Wahrheitsgarantie gibt *43, daß gerade auch die Selbstverständlichkeiten unserer Weltsicht, z. B. die Regeln der Logik (!), keine allumfassende Gültigkeit beanspruchen können, wird von den "Praktikern", den "Forschern vor Ort" in seiner Tragweite und Schärfe meist nicht erkannt. *44 Nach v. WEIZSÄCKERs Auffassung ist anders Wissenschaft auch gar nicht möglich: Sie wird nur möglich, weil man sich bestimmte Fragen nicht stellt. *45 Gerade diese Selbstverständlichkeiten gehen aber als "Maßstab", als "das, worauf man sich ohne weitere Prüfung verlassen darf", in unsere Prüfungsmethoden ein, auf sie wird rekurriert (bei jeder Argumentation), an ihnen wird alles gemessen.
Zu diesen Selbstverständlichkeiten gehören z. B. auch unhinterfragte Vorstellungen darüber, worauf es ankommt beim Forschen, woran Forschung sich zu bewähren hat. Aus den Naturwissenschaften wurde z. B. das Kriterium des Vorhersage-Erfolgs übernommen: Wissenschaft muß in der Lage sein, bei gegebenen Randbedingungen zukünftiges Geschehen zu prognostizieren. In der erfolgreichen Prognose erweist sich die Richtigkeit, die "Wahrheit" (*46) ihrer Annahmen, Theorien und Gesetze. HABERMAS sieht darin ein implizites, d.h. nicht auf die subjektiv empfundene Motivation des Forschers bezogenes, sondern durch die Vorgehensweise bedingtes, "technisches Erkenntnisinteresse" der Naturwissenschaften (HABERMAS 1968, 146ff), ein Interesse an "Verfügung über Natur". Dies gilt auch für die psychologische Forschung in weiten Teilen. "Der Psychologe soll menschliches Handeln besser kontrollierbar machen, sei es nun in der Eignungsdiagnostik, sei es in der Werbepsychologie, der Erziehungsberatung, der forensischen Psychologie usw." (HOLZKAMP 1972, 19).
Die Orientierung an diesem Erkenntnisinteresse führte in den Sozialwissenschaften zum "Operationalismus": "Im allgemeinen versteht man heute darunter die Forderung, Begriffe so zu formulieren, daß jederzeit darüber entschieden werden kann, ob der Begriff zutrifft oder nicht." (KLᅵVER 1974, 104). Es geht also um Gewährleistung von "Meßbarkeit" der verwendeten Begriffe, um Quantifizierung. Die Frage ist, ob alle für die Sozialwissenchaften relevanten Dimensionen in einem nicht-trivialen Sinn operationalisierbar und damit quantifizierbar sind *47. Dies bestreiten nicht nur Wissenschaftstheoretiker, z. B. SEIFFERT (1973, 28) oder von WEIZSÄCKER (s. Anm. 66), auch methodenbewußte Sozialwissenschaftler halten diese Behauptung für extrem und unvernünftig (KERLINGER 1973, 32).
Für die astrologische Forschung ist dies von entscheidender Bedeutung. Es geht dabei um die Frage, ob die Dimensionen der im Horoskop sich zeigenden Strukturen quantifizierbar und damit einer statistischen Analyse zugänglich sind oder nicht. Dies wird ausführlich in den Kapiteln 4 und 5 diskutiert werden.
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Kapitel 3.2: Wissenschaft und Mythos
Wenn man nicht gegen den Verstand verstößt, kann man überhaupt zu nichts kommen." Albert Einstein *48
Nehmen wir einmal hypothetisch an, daß das magische Gesetz, daß alles mit allem auf subtile Weise verbunden sei und aufeinander wirke, richtig sei (siehe auch HᅵBNER 1985, 345). Ist es möglich, daß sich dieses Gesetz in einer Welt, deren Gegenstände durch "Operationalisierung" konstituiert werden - der "Meßraum" der Sozialwissenschaftler - als "wahr" oder "überprüfbar" erweist?
Dies ist schon deshalb nicht möglich, weil die Aussage nicht "passend" für die Absicht einer Prüfung formuliert ist, also zu unspezifisch und allumfassend ist. Dieses "Gesetz" ist in Wirklichkeit wohl auch eine "Setzung", deren Annahme oder Zurückweisung eine elementare Grundentscheidung darstellt. Es ist eben in Wirklichkeit kein Gesetz, auch keine Hypothese, es ist ein Axiom - man sollte besser sagen: eine zentrale metaphysische Annahme, etwa im Sinne eines "Paradigmas" (KUHN 1979). Und es gab und gibt Völker, für die dieses Axiom eine Plausibilität besitzt, die der Plausibilität der Regeln der Aristotelischen Logik in nichts nachsteht. *49 Wir müssen uns fragen, ob die logische Regel des "Tertium non datur" *50 nicht ebenso "unspezifisch und allumfassend" ist. Sie ist auch nicht "prüfbar". Sie ist eben eine bei uns gängige und gemeinhin akzeptierte "metaphysische Grundannahme", die zudem in der Quantenlogik sogar außer Kraft gesetzt ist (siehe Anm. 41), denn dort gibt es für eine Aussage noch die dritte Möglichkeit, neben wahr oder falsch, nämlich "unbestimmt". (HᅵBNER 1978, 171)
Wenn es sich bei dieser Grundregel der Magie nun also um ein Axiom handelt, an dem alles geprüft wird, selbst nicht überprüft (weil auch nicht überprüfbar), aber "plausibel", "vernünftig", dann werden mit Sicherheit andere Gegenstände in dieser Welt "gefunden", andere Zusammenhänge entdeckt, genauso wie nach einem "Paradigma-Wechsel" im Sinne KUHNs *51. Dabei werden vielleicht teilweise andere "Ableitungsregeln" anwendet als die der Logik, andere "Meßinstrumente" entwickelt als die in unseren Wissenschaften gebräuchlichen. (HᅵBNER 1985, 257ff)
Obwohl es unseren gewohnten Denkweisen kraß zuwiderläuft, könnte man einige Folgerungen überlegen, die aus der möglichen Angemessenheit oder "Richtigkeit" des gerade beschriebenen Axioms zu ziehen wären. Wenn alles mit allem verbunden ist, so sind auch meine Gedanken und Überzeugungen mit der Welt der körperlichen Objekte verbunden. In einem gewissen Sinn müßten dann meine Gedanken auch direkte Auswirkungen auf die physische Welt haben. Diese Vorstellung, daß Gedanken eine Realität sind bzw. als solche bereits eine Realität schaffen, wird von vielen fernöstlichen Weisheitslehrern vertreten. Daß psychische Sachverhalte "konstellierend" auch in der Welt physischer Objekte "wirken", ist auch die Auffassung von C. G. JUNG, der das Zustandekommen paranormaler Phänomene mit der "anordnend wirkenden Kraft der Archetypen" in Verbindung bringt (JUNG/PAULI 1952).
Der Philosoph EDGE erwägt konsequenterweise bei der Diskussion paranormaler Phänomene die Möglichkeit, daß der Glaube an bestimmte Realitäten möglicherweise diese Realitäten tatsächlich erschafft - und dies meint er nicht metaphorisch -, daß Glaube also die Welt tatsächlich verändert. In bezug auf die Außersinnliche Wahrnehmung (ASW) überlegt er: "Der Glaube an ASW würde diese zum Faktum werden lassen." (1974, 106) Die Tatsache, daß solche Gedankengänge für viele Wissenschaftler an der Grenze des Erträglichen liegen und in Diskussionen zu rüden polemischen Diskreditierungen führen, entwertet diesen Gedanken nicht. LEIBNIZ bezichtigte NEWTON auch, "okkulte Qualitäten" in die Physik einzuführen, die nichteinmal der liebe Gott verstehen könne, als dieser seine Theorie der Gravitation vorstellte *52.
Die radikalsten Folgerungen aus solchen Überlegungen hat bisher FEYERABEND gezogen: Seiner Meinung nach gibt es verschiedene Formen von Erkenntnis, zwischen denen man sich entscheiden muß (1979, 299). Dabei steht die Wissenschaft "dem Mythos viel näher, als eine wissenschaftliche Philosophie zugeben möchte. Sie ist eine der vielen Formen des Denkens, die der Mensch entwickelt hat, und nicht unbedingt die beste. Sie ist laut, frech und fällt auf; grundsätzlich überlegen ist sie aber nur in den Augen derer, die sich schon für eine bestimmte Ideologie entschieden haben, oder die die Wissenschaft akzeptiert haben, ohne jemals ihre Vorzüge und Schwächen geprüft zu haben." (a. a. O., 388).
FEYERABEND scheut sich nicht, geheiligte Grundregeln wissenschaftlichen Arbeitens über Bord zu werfen. Er geht so weit, explizit eine Verletzung der Regeln der Logik zu fordern, sogar eine Verletzung des Prinzips, das intuitiv als das einleuchtendste erscheint: Er fordert das Zulassen von Widersprüchen. "Solche Betrachtungen werden gewöhnlich mit dem kindischen Hinweis kritisiert, aus einem Widerspruch folge jede beliebige Aussage." (1979, 36, Anm. 1) *53 Doch "Regeln müssen verletzt werden", denn eine Wissenschaft, die Widersprüche zuläßt, ist "fruchtbarer" (FEYERABEND 1979, 35/36).
Wegen seines unbequem-radikalen In-Frage-Stellens möchten manche Wissenschaftler FEYERABEND gern als Sonderling, als das "enfant terrible" der Wissenschaftstheorie abtun (DUERR 1980 u. 1981). Doch "traditionelle Wissenschaftstheoretiker können ihn nicht links liegen lassen, denn er ist in der Lage, jederzeit äußerst kenntnisreiche und erhellende - oder verletzende - Untersuchungen über Probleme oder Personen zu veröffentlichen." (RAVETZ 1980) "Wenn die Wissenschaftstheorie ihren Sinn überhaupt darin sieht, zum Verständnis wissenschaftlicher Tätigkeit beizutragen, dann verursachen seine Untersuchungen zum Verhalten bedeutender Wissenschaftler durchaus Unbehagen." (ebd. S. 29)
Auch wenn die meisten Wissenschaftstheoretiker nicht so weit gehen und mit FEYERABEND eine "anarchistische Erkenntnistheorie" *54 propagieren - womit FEYERABEND übrigens den ursprünglich sehr positiven Sinn des Wortes Laie wiederherstellt *55 -, so findet man wesentliche Teile seiner Argumentation und seiner Forderungen auch schon früher und bei anderen Autoren *56.
In unserem Zusammenhang ist dabei die von seiner Seite, aber auch anderen Wissenschaftstheoretikern (unterschiedlichster Orientierung) erhobene Forderung nach Öffnung, zumindest aber Toleranz gegenüber mythischen, ja sogar magischen Vorstellungsinhalten von besonderem Interesse (DUERR 1981, FEYERABEND 1979, JANTSCH 1980, HᅵBNER 1985, ROMBACH 1974a, 24). Zwar ist nicht jeder in der Lage, der selbst aufgestellten Forderung nach "Universaler Toleranz" in seiner eigenen Argumentation auch treu zu bleiben *57, doch werden auf diese Weise bislang tabuierte, als pseudowissenschaftlich eingeordnete ("und also nicht weiter ernst zu nehmende") Grenzgebiete unseres Wissens in Kreisen der "etablierten Wissenschaften" nach und nach gesellschaftsfähig. (FEYERABEND/THOMAS 1985)
War im antiken Griechenland der "Übergang vom Mythos zum Logos" (ROMBACH 1974, 7) Zeichen eines sich emanzipierenden Menschen, so scheint heute die Relativierung unserer Rationalität durch den Mythos Zeichen einer neuen Stufe der Emanzipation, insofern wir es uns leisten können, die ggf. innovierende Kraft mythischer und magischer Vorstellungen in unser Bemühen um das Veständnis unserer Welt zu integrieren. Der sog. "Übergang vom Mythos zum Logos" bedeutete damals nämlich eigentlich nur die Loslösung vom bloßen "Glauben", dem Weitergeben des Tradierten, und die Hinwendung zum "Begründen", dem "Überzeugen aufgrund von Beweisen" (HIRSCHBERGER 1965, 16). Insofern ist unsere heutige neue Hinwendung zum Mythos auch kein "Rückfall"; denn sie ist ja nicht eine erneute Hinwendung zu "Glauben" und "Weitergeben des Tradierten", sondern beinhaltet hauptsächlich eine alternative Vorstellung über das, "was die Welt im Innersten zusammenhält" (siehe auch HᅵBNER 1985, 409ff). Es ist auffällig, daß gerade Wissenschaftler aus dem Bereich, dessen "erkenntnisleitendes Interesse" nach HABERMAS das technische ist (s.o.), durch ihre neueren Forschungen zu einem Wirklichkeitsbegriff gelangen, der nach Ansicht von HEISENBERG (1972) eine positive Beziehung zu überlieferten Ideen des fernen Ostens hat. Schon NEWTON hatte mit dem quantitativ Faßbaren nur eine methodische Abstraktion im Sinn gehabt und hatte dem Rest die Realität nicht bestreiten wollen (siehe Kapitel 1). Ähnlich scheinen in unserer Zeit Wissenschaftler wie HEISENBERG, PAULI (JUNG/PAULI 1952), EINSTEIN *58 oder WEIZSÄCKER *59 zu denken, ganz abgesehen von den Wissenschaftlern, die man als Exponenten des sog. "New Age" bezeichnen könnte, wie z. B. KOESTLER (1970, 1972), CAPRA (1982), JANTSCH (1979, 1980), DUERR (1981, 1981a), HᅵBNER (1985) und, last not least, FEYERABEND.
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Kapitel 3.3: Was sind (wissenschaftliche) Tatsachen?
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Kapitel 3.3: Was sind (wissenschaftliche) Tatsachen?
Der beste Gottesbeweis nutzt nichts, wenn er nicht geglaubt wird." *60
Die Angemessenheit bestimmter wissenschaftlicher Methoden läßt sich unter verschiedenen Gesichtspunkten diskutieren: Man kann nach den "erkenntnisleitenden Interessen" fragen (HABERMAS, 1973), damit zusammenhängend nach der "Relevanz" (HOLZKAMP, 1972), man kann die Vereinbarkeit mit bestimmten als evident angesehenen "Grundsätzen a priori" (wie z. B. den Regeln der Logik) prüfen oder die "Fruchtbarkeit" für die Erweiterung unseres Wissens über die Welt (FEYERABEND 1979) usw.
Die Ansicht, Wissenschaft solle möglichst "theoriefrei" beschreiben und erklären, "was ist", muß heute als naiv bezeichnet werden. Es gibt keine wissenschaftlichen Tatsachen ohne Theorie; es gibt keine Theorie ohne "zentrale metaphysische Annahmen". Es ist also eine nicht-triviale Frage zu bestimmen, was denn überhaupt als Tatsache angesehen werden soll, anders ausgedrückt, zu entscheiden, wann wir sagen wollen, daß etwas (ein Ding, ein Zusammenhang, ein Vorgang) existiert. Und dies gilt sogar in der Physik *61.
Es ist eine Sache, das methodische Postulat aufzustellen, in der Physik nur solche Größen zuzulassen, die meßbar sind, wie EINSTEIN dies getan hat. Es ist eine andere Sache, zu behaupten: "Was nicht meßbar ist, existiert nicht". In der Psychologie stellt sich dieses Problem besonders drängend *62.
Der Operationalismus ist, besonders in seiner "trivialen" Form (siehe Anm. 47), ein Kunstgriff, um die allzu schwierige Frage, was denn in der Psychologie als Tatsache akzeptiert werden soll, vorläufig zu beantworten, ohne jedoch die darin liegende Problematik wirklich gelöst zu haben. Die Rigidität, mit der man in den Sozialwissenschaften auf Quantifizierbarkeit und operationalen Definitionen besteht, erinnert an das im Neuen Testament beschriebene Verhalten der Pharisäer bezüglich der Gesetze: Sie befolgen den "Buchstaben des Gesetzes" und höhlen seinen Sinn dabei aus.
Denn, was ist der Sinn dieses Vorgehens? Warum sind denn überhaupt Quantifikation und operationale Definitionen so wichtig?
Ein wesentlicher Aspekt ist z. B. der, daß damit Objektivität erreicht werden soll. Es sollen "metaphysische Spekulationen" aus den Wissenschaften verbannt werden *63. Wie aber kann man dies gewährleisten, wenn man eine Variable durch ein Experten-Urteil operationalisiert, wie dies, nolens-volens, in vielen Fällen üblich ist? Man weiß doch gar nichts über das Zustandekommen dieses Experten-Urteils. In dieses Urteil kann sehr viel sog. "metaphysische Spekulation" eingeflossen sein - und wird es nach aller Erfahrung auch. Man hat in einem solchen Fall also der Forderung nach Operationalisierung formal genüge getan, den Sinn dieser Forderung jedoch umgangen - zumindest gewährleistet die oben erwähnte Bestimmung des Begriffs Operationalisierung nicht automatisch die Erfüllung des Sinns dieser Forderung.
Ähnlich wie ich bei der "Quantifikation" fragen muß, ob ich die Bedeutungsunterschiede entlang meiner Dimension sinnvoll durch Unterschiede zwischen Zahlen ausdrücken kann (s.Anm. 76) muß ich mich bei der "operationalen Definition" fragen, wie umfassend die Dimension durch die operationale Definition erfaßt wird, denn: "No operational definition can ever express all of a variable." (KERLINGER 1973, 32) Wie aber will ich dies ohne "metaphysische Spekulation" entscheiden?
Natürlich kann man "willkürlich" beginnen: "Intelligenz ist das, was mein Intelligenztest mißt - und die 'Bedeutung' des Wortes Intelligenz erhellt z. B. daraus, daß die so definierte Intelligenz mit der Schulleistung hoch korreliert." Gegen eine solche Vorgehensweise ist nichts einzuwenden, und sie ist sicher für bestimmte Anwendungen auch sehr nützlich. Aber hilft mir dieses Vorgehen weiter, wenn ich mir die Frage stelle, ob eine bestimmte operationale Definition von Angst das erfaßt, was ich empfinde, wenn ich Angst spüre? Hilft mir ein solches Vorgehen also weiter bei der Frage der Angemessenheit meiner Operationalisierung inbezug auf die Angst, die ich eigentlich untersuchen wollte, nicht etwa die Angst, die ich erst durch eine operationale Definition neu "erfinde"? (siehe auch ANGLEITNER 1975) - Wenn ich wirklich "willkürlich" beginne, dann hilft dies Vorgehen deshalb nicht weiter, weil die Frage dabei erst gar nicht gestellt wird. Statt dessen werden funktionale Beziehungen zwischen operational definierten Größen untersucht, deren Bedeutung für das Leben der Menschen fraglich bleibt (siehe auch HOLZKAMP 1972). Beginne ich jedoch nicht "willkürlich", frage mich also nach der Angemessenheit meiner Operationalisierung, dann muß ich mich fragen, was denn die Angst "eigentlich genau ist", die ich empfinde - und schon bin ich wieder bei "metaphysischer Spekulation".
Wenn von Quantifizierbarkeit und operationaler Definition die Rede ist, so ist meist aber noch ein anderer Aspekt gemeint, der für unseren Zusammenhang der eigentlich entscheidende ist, der nach WIGGINS (1973, 123) aber nicht mit Quantifizierbarkeit verwechselt werden sollte: WIGGINS unterscheidet Messungen, "which rely on human judgment ... and those which do not", und nennt sie entsprechend "judgmental" und "mechanical measurement". Es leuchtet ein, daß ein "mechanical measurement" vollständig fast nie möglich ist - es sei denn, ein Computer übernehme automatisiert auch die Auswertung einer Messung. Es ist mehr eine Frage des Ausmaßes: vom Ablesen einer Zeigerstellung über die Einordnung einer Verhaltenssequenz in ein vorgegebenes Schema bis hin zur Zuschreibung einer bestimmten Diagnose durch einen Experten.
Je elementarer die Entscheidungsprozesse, je weniger "subjektive Interpretation" eines Menschen notwendig ist, desto mehr haben wir es mit einem "mechanical measurement" zu tun, um so mehr ist dann auch der Meßprozeß objektivierbar. Objektivität der Messung bzw. Quantifizierung kann man also u.a. dadurch zu erreichen versuchen, daß man den Prozeß der Messung "in Teile zerlege", so daß die einzelnen Bestandteile möglichst wenig Interpretation enthalten, und deshalb erwartet werden kann, daß potentiell jeder Mensch bei der Messung zum gleichen Resultat kommt. Da es hier wiederum einen Ermessensspielraum gibt - wann sind die einzelnen "Teil-Messungen" klein genug -, wird umgekehrt der Grad der Übereinstimmung verschiedener Beurteiler als Maß für die Objektivität und Verläßlichkeit der Messung herangezogen (WIGGINS 1973, 125ff).
Auf diese Weise gerät man jedoch in einen Zirkel: Wenn eine hohe Übereinstimmung von Beurteilern ein Maß für die Objektivität der Beurteilung ist, dann kann man also durchaus auch Experten-Urteile heranziehen, sofern die Experten sich hinreichend einig sind. Unter diesen Voraussetzungen wäre "Vom-Teufel-Besessen-Sein" im Mittelalter ein objektives Faktum gewesen, denn die Experten waren sich dort sehr weitgehend einig. Und im Prinzip ist jede, auch die kleinste Beurteilung ein "kleines" Experten-Urteil, denn die Beurteiler müssen immer in ihre Aufgabe "eingeübt" werden *64. Die Experten im Mittelalter konnten sehr genau erklären, woran man erkennt, daß jemand vom Teufel besessen ist, und sie konnten es auch plausibel begründen, da niemand daran zweifelte, daß es einen Teufel gibt.
Eine Übereinstimmung der Urteile mehrerer Beurteiler gewährleistet also nur innerhalb eines Rahmens, der durch nicht weiter hinterfragte Grundüberzeugungen abgesteckt wird, ein gewisses Maß an Sicherheit. Im Prinzip wird dadurch nur ausgesagt, daß bestimmte Regeln der Urteilsfindung, in immer gleicher Weise angewendet, zu dem immer gleichen Resultat führen. Es sagt nichts über die Angemessenheit dieser Regeln aus. Im Gegenteil: Man muß die Angemessenheit voraussetzen oder durch Argumente plausibel machen.
Die Krux quantitativ statistischer Methoden liegt also nicht in der Statistik: Sie liegt in den Problemen einer angemessenen Quantifizierung. Wenn die Abbildung auf Zahlen die Verhältnisse nur rudimentär widerspiegelt, wie soll dann bei der mathematischen Weiterverarbeitung dieser Zahlen mehr als ein "holzschnitt-artiges Bild" herauskommen? Und wenn man aus dieser Einsicht eine sinnvolle Forderung ableiten kann, dann sicher nicht die, daß operationale Definition und Quantifizierung unabdingbare Voraussetzungen wissenschaftlichen Arbeitens sind, denn damit wird der Blick in die falsche Richtung gelenkt. Richtig ist die Forderung, bei jeder Quantifizierung sorgfältig zu prüfen, ob die zugeordneten Zahlen die Bedeutungsunterschiede, die man erfassen will, angemessen repräsentieren. (Siehe auch LOCKOWANDT 1984)
So sehr der Versuch verständlich und lohnenswert ist, psychologisch relevante Dimensionen in einer Weise zu definieren, daß bestimmte Prozeduren, die in den Naturwissenschaften so erfolgreich waren, darauf angewendet werden können, so sehr bedürfen wir gerade in der Psychologie der Weisheit eines NEWTON, oder zumindest seiner Zurückhaltung, aus mehr oder weniger nützlichen methodischen Abstraktionen nicht umfassende Aussagen über die Existenz bzw. Nicht-Existenz von Sachverhalten abzuleiten.
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Kapitel 3.4: Folgerungen für die astrologische Forschung
Es ist also bei der Überprüfung astrologischer Zusammenhänge nicht sinnvoll, vorhandene Forschungsmethoden aus dem Bereich der Sozialwissenschaften ohne Diskussion zu übernehmen. Zum einen besteht die Gefahr, daß die Untersuchung an "praktischer Relevanz" verliert. Zum anderen bedarf die Frage einer Klärung, ob die zur Verfügung stehenden Methoden dem Forschungsgegenstand angemessen sind. Natürlich hängen beide Aspekte des Problems zusammen.
Der Vorwurf mangelnder praktischer Relevanz wurde u.a. gegen bestimmte Formen der Forschung in der Psychologie erhoben (HOLZKAMP 1972) und bezog sich dort auf die geringe Übertragbarkeit von Ergebnissen aus Labor-Experimenten auf den "Lebensalltag". In dem hier angesprochenen Kontext ist mit praktischer Relevanz vor allem der intendierte psycho-hygienische Effekt astrologischer Forschung gemeint: Da im Falle der Astrologie sowohl auf der Seite der Anhänger wie auf der Seite der Gegner sehr viel (Aber-) Glaube im Spiel ist (siehe Kapitel 1), besteht ein wesentliches Ziel von Forschung zunächst in der Schaffung einer "Diskussionsgrundlage". Dazu muß die verwendete Forschungsmethode von beiden Seiten (zumindest mehrheitlich) als adäquat eingestuft werden, sollen die Ergebnisse der Forschung rezipiert und "umgesetzt" werden, d.h. zur Änderung von Einstellungen und Verhaltensweisen beitragen.
Was die Angemessenheit sozialwissenschaftlicher Forschungsmethoden, insbesondere statistischer Verfahren, für die Untersuchung astrologischer Fragestellungen angeht, so wird diese auf Seiten der Astrologen immer wieder grundsätzlich bestritten. Ähnlich geht es ja auch Forschern im Bereich der Psychologie bei der Auseinandersetzung mit "Praktikern" (z. B. bei der Diskussion um die Angemessenheit von Tests), speziell mit Psychotherapeuten *65. Aber nicht nur Astrologen, auch Wissenschaftler wie C. F. von WEIZSÄCKER, der die Grundannahmen, auf denen statistische Methoden basieren, als theoretischer Physiker versteht und reflektiert (WEIZSᅣCKER 1971), äußern sich skeptisch über die Möglichkeit, astrologische Behauptungen mit statistischen Methoden zu überprüfen *66.
Bei Diskussionen über die Möglichkeit einer angemessenen Überprüfung der Astrologie scheinen sich zwei Gruppen gegenüberzustehen - und sie scheinen sich nicht zu verstehen:
Auf der einen Seite stehen Astrologen, die in der praktischen Arbeit mit der Astrologie die "Erfahrung" gemacht haben, daß das Horoskop "tiefe Einblicke in die Wesensstruktur eines Menschen erlaubt". Wenn man mit Statistik keine Zusammenhänge zwischen Horoskop und Persönlichkeit finde, so argumentieren sie, dann müsse die Statistik ein ungeeignetes Instrument für den Nachweis solcher Zusammenhänge sein. Und in dieser Auffassung werden sie von Forschern wie v. WEIZSÄCKER unterstützt. Die Basis ihrer Überzeugung bildet immer eine Fülle von "Evidenz-Erlebnissen".(Siehe dazu Kapitel 4.4: Trügerische Evidenz-Gefühle)
Auf der anderen Seite stehen Forscher, die (geradezu beschwörend) fordern, daß die Behauptungen doch irgendwie "testbar" sein müssen, da der Astrologe doch sonst keinerlei Möglichkeiten hat, sich vor Täuschung zu schützen. Die Basis des Zweifels bei diesen Forschern bildet die Überzeugung, daß "Evidenz" kein gutes Kriterium für "Wahrheit", in jedem Fall aber kein wissenschaftlich anerkanntes(und anzuerkennendes) Kriterium darstellt. (In bezug auf die Psychotherapie argumentiert z. B. REITER 1975, 28, in dieser Weise.)
Wie tief die Kluft zwischen diesen beiden Gruppen ist, dokumentiert ein seit 1981 (!) in Form von Leserbriefen ausgetragener Streit - der gegenwärtig immernoch anhält - in der Zeitschrift CORRELATION (Journal of Research into Astrology) (CURRY (81), SHALLIS (81), CURRY (82, 82a), ALEXANDER (83, 83a), DEAN (83), HARVEY (84, 84a), DEAN (84, 84a), ALEXANDER (84), SCHNEIDER (84), POWER (85), ALEXANDER (85), PARKER (85), DEAN (85)) sowie ein ähnlicher Streit im Anschluß an die Veröffentlichung einer "Statistischen Untersuchung..." mit negativem Resultat im Jahre 1984 in der Zeitschrift MERIDIAN (NIEHENKE (84, 84a), FIEDLER (84), SPORNER (84), BRENTANO (84),KRᅱNCKE (84), LOCKOWANDT (84), PRONAY (84)).
Je nachdem, wie Astrologie von den betreffenden Astrologen grundsätzlich aufgefaßt wird, ist die Art der Einwände gegen die Forschungsmethoden verschieden: Abgesehen von den Astrologen, die kritisieren, daß der Forscher sich der falschen astrologischen Methode bedient habe *67, oder solchen Einwänden, die auf einer ungenügenden Kenntnis statistischer Verfahren beruhen *68, sind von den ernst zu nehmenden Einwänden vor allem diejenigen wichtig, die Zweifel an der Reliabilität und Validität der verwendeten Instrumente (z. B. Fragebogen) vorbringen (LOCKOWANDT 1984a). Solchen Einwänden liegt offensichtlich nicht eine grundsätzliche In-Frage-Stellung sozialwissenschaftlicher Forschungsmethoden - insbesondere der Statistik - zugrunde; sie sind eher "system-immanent" und laufen auf eine Diskussion des Meßproblems hinaus, auf das in Kapitel 7 ausführlich eingegangen werden wird.
Einige Astrologen jedoch kritisieren "Forschung" grundsätzlich und bezweifeln die Angemessenheit der Forderung nach Quantifizierbarkeit, die z. B. ja Voraussetzung für jegliche Form von Statistik darstellt. An diesen Stellen zeigt sich das oben erwähnte "Unverständnis" zwischen den beiden Gruppen dann besonders deutlich und man spürt, daß zwei Sichtweisen zum Thema Wahrheit aufeinanderstoßen, die im Kern auf unterschiedlichen metaphysischen Grundannahmen beruhen *69.
So wie sich die Vertreter der einen Gruppe fragen lassen müssen, ob denn Quantifizierbarkeit im Falle der Astrologie eine angemessene Forderung darstellt, so müssen sich die Vertreter der anderen Gruppe fragen lassen, ob sie denn meinen, auf jede Art von Versicherung, bei der Astrologie nicht einer Täuschung erlegen zu sein, verzichten zu können. *70 Und wenn Quantifikation und Statistik ein unangemessener Weg sind, worin bestünde ein angemessener Weg der Prüfung (der Versicherung gegen Täuschung)?
Es ist mir keine Veröffentlichung bekannt, die auf diese letzte Frage eine Antwort gibt. Einen vagen Hinweis gibt ALEXANDER (s. Anm. 69) mit seiner Frage nach "a form of astrological research that embodies some of the approach of literary criticism and some of the approach of science?"
Nun gibt es außer der Astrologie auch noch andere Wissensgebiete, die mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten und noch haben. Ich denke z. B. an die Psychoanalyse, die Jahrzehnte lang die einzige offiziell anerkannte Form der Psychotherapie war, in der eine ganze Generation von psychotherapeutisch arbeitenden Ärzten ausgebildet wurde, über deren Themen ein Heer von wissenschaftlich ausgebildeten und zum Teil offensichtlich auch sehr klugen Menschen Veröffentlichungen publiziert haben, die heute ganze Bibliotheken füllen, und bei der heute eine ganze Reihe akademischer Psychologen "persönlich fest davon überzeugt ist, daß die ganze Psychoanalyse im Kern auf einer Art von Aberglauben beruht" (HEMMINGER/BECKER1985, 44 u. 109f).
Wie ist es möglich, daß weiterhin Psychoanalytiker von dieser Methode überzeugt sind? Wie war es möglich, daß Jahrzehnte lang Wissenschaftler von dieser Methode überzeugt waren? Waren (und sind) diese Wissenschaftler unkritisch? Leichtgläubig? Oder sind es die Wissenschaftler, die jetzt die Psychoanalyse ablehnen?
Unter der Überschrift "Das Problem der wissenschaftlichen Wahrheit" schreibt dazu Erich FROMM: "Es ist Mode geworden zu behaupten, Freuds Theorie sei 'unwissenschaftlich', und Vertreter der verschiedenen Zweige der akademischen Psychologie neigen besonders zu dieser Ansicht. ... Viele Psychologen und Soziologen haben von wissenschaftlicher Methode eine etwas naive Vorstellung. ... Was kreative Wissenschaftler heute von den Pseudo-Wissenschaftlern in den Sozialwissenschaften unterscheidet, ist ihr Glaube an die Macht der Vernunft, ihre Überzeugung, daß die menschliche Vernunft und das menschliche Vorstellungsvermögen die trügerische Oberfläche der Erscheinungen durchdringen und zu Hypothesen gelangen kann, die sich mit den Kräften befassen, welche unter der Oberfläche liegen." *71
Das Wissenschaftsverständnis der Gruppe der "naiven Wissenschaftler" im Sinne FROMMs kann man so umreißen: Sie suchen Sicherheit in der Anwendung bestimmter methodischer Regeln. Das Befolgen dieser Regeln ist ihnen "Bollwerk" gegen die vielfältigen offensichtlich vorhandenen Formen der Täuschung unserer Sinne, unserer Wahrnehmung allgemein, und gegen Fehlschlüsse. Vor allem mißtrauen sie dem sog. "gesunden Menschenverstand", vielleicht auch FROMMs "Kraft der Vernunft".
Es besteht wohl kein Zweifel, daß ihre Bedenken berechtigt sind. Man denke an die interessanten Experimente zu optischen Täuschungen, an die unzähligen Irrtümer des "gesunden Menschenverstandes", die man in einfachen psychologischen Experimenten aufdecken kann (Stichwort: Vorurteils-Forschung, z. B. SYNDER 1983), aber auch an subtile Irrtümer wie den der Reifikation: Irrtümer des "gesunden Wissenschaftler-Verstandes", mit denen Wissenschaftler - auf neuer Stufe - überwunden geglaubte Irrtümer des "gesunden Menschenverstandes" wiederholen *72.
Die Frage ist nur, ob methodisches Vorgehen die Sicherheit gewährleistet, die sie suchen. Wie wir gesehen haben, sind die elementarsten Grundlagen unserer wissenschaftlichen Methode(n), z. B.die Ableitungsregeln, nicht "gewiß" (s. Anm. 41). FEYERABEND hat zudem in hervorragender Weise zeigen können, daß die Pioniere unserer heutigen Wissenschaft (z. B. GALILEI) nur aufgrund der Verletzung wissenschaftlicher Methoden zu Ihren Ergebnissen, die unser Verständnis von der Welt revolutionierten, kommen konnten. Der Titel seines Buches deutet an, welche Konsequenz er daraus zieht: "Wider den Methodenzwang"! (FEYERABEND 1979). In einem gewissen Sinn scheint er, wie FROMM, der "Kraft der Vernunft" mehr zu vertrauen als viele Wissenschaftler und Wissenschaftstheoretiker.
Entscheidend ist nicht M e t h o d i k , von jedermann schematisch anwendbar, deren Korrektheit, ebenso schematisch, ohne Reflexion auf die Inhalte überprüfbar ist, sondern eine bestimmte H a l t u n g , ein "disziplinierter Geist" des Forschers; entscheidend sind vielleicht gewisse "Tugenden" des Wissenschaftlers, nicht so sehr die Befolgung von Richtlinien. So kann man m. E. das Wissenschaftsverständnis der Gruppe der "kreativen Wissenschaftler" im Sinne FROMMs umschreiben.
Wir dürfen nicht vergessen, daß die Adäquatheit der Methoden ja nicht wiederum unter Anwendung dieser Methoden überprüft werden kann. Wir sind also bei der Prüfung unserer Methoden ohnehin auf die oben angesprochenen Tugenden, auf die "Kraft unserer Vernunft", auf eine Diskussion von "Laien", von "Idioten" (s. Anm. 55) angewiesen.
Den "Archimedischen Punkt" gibt es also auch in der Wissenschaftstheorie nicht. Das Bewußtsein dieser "Begrenzung" hat heute auch bei konservativen Wissenschaftstheoretikern der neuen Generation zur Aufgabe der Forderung nach Einhaltung vorgegebener gleicher methodischer Regeln für jedwede Art wissenschaftlicher Tätigkeit geführt (LAKATOS 1974) *73. Die Aufgabe, eine angemessene Forschungsstrategie zu entwickeln, wird dadurch, wie FEYERABEND es ausgedrückt hat, natürlich nicht leichter, sondern schwieriger (FEYERABEND 1981a).
Ich möchte zum Schluß dieses Kapitels noch einmal zusammenfassen:
Der Hochmut vieler "positivistisch" eingestellter Wissenschaftler, die weismachen wollen, daß es doch ganz klar sei, wie man in der Wissenschaft vorzugehen habe, und die Astrologie ohne ein Gefühl für die Relativität des eigenen Standpunktes doktrinär als Aberglauben abtun (siehe Kapitel 1), ist für die Erforschung eines möglichen Wahrheitsgehaltes des astrologischen Gedankenguts ein ernsthaftes Hindernis. Es scheint mir notwendig, solche Wissenschaftler in ihre Schranken zu verweisen. Dies ist einer der Gründe, warum ich in diesem Kapitel die erkenntnistheoretischen Grundlagen unseres heutigen Wissenschaftsverständnisses ausführlicher dargestellt und diskutiert habe.
Die Forderung des Operationalismus, "Begriffe so zu formulieren, daß jederzeit darüber entschieden werden kann, ob der Begriff zutrifft oder nicht" (KLÜVER 1974, 104), hat für die psychologische Forschung eine ähnliche Bedeutung gehabt wie GALILEIs Abrücken von der Frage: "Was ist ein freier Fall" zugunsten der Frage: "Wie funktioniert der freie Fall (welcher Bewegungsgleichung gehorcht er)?" In beiden Fällen wurden fruchtbare Möglichkeiten für die Erforschung von Zusammenhängen in der Natur eröffnet.
Es steht auch jedem Wissenschaftler frei, sich in der Weise freiwillig zu beschränken, daß er Begriffe, die nicht operationalisierbar sind, in seiner Arbeit als Wissenschaftler nicht zuläßt. Er muß dann aber in Kauf nehmen, daß er möglicherweise wichtige Bereiche der menschlichen Erfahrung von seinen wissenschaftlichen Untersuchungen ausklammern muß, denn die Aussage: "Wenn etwas wirklich existiert, ist es auch meßbar" bzw. umgekehrt: "Wenn etwas nicht meßbar ist, so existiert es auch nicht", ist nicht begründbar, sie ist ein Glaubenssatz.
Selbst der Anspruch, nur solche Erkenntnisse, die in "methodisch sauberer Weise" gewonnen wurden, die also "wissenschaftliche Erkenntnisse" sind, seien wirklich Wissen, die anderen Erkenntnisse dagegen Glauben oder subjektive Überzeugungen ohne Wahrheitswert, ist nicht so zwingend zu begründen, daß ihn alle "mit Vernunft und Verstand begabten Menschen" für evident halten würden. Im Gegenteil: "Die Wissenschaft ist eine der vielen Formen des Denkens und nicht unbedingt die beste." (FEYERABEND 1979, 388)
Wir waren ausgegangen von der Frage, welche grundsätzlichen Möglichkeiten wir haben, uns vor Täuschung zu schützen, und wir haben gesehen, daß es einen Weg, der uns vor Täuschungen mit Sicherheit bewahren kann, nicht gibt. Es müssen in jedem Einzelfall also die Argumente für und wider immer neu gegeneinander abgewogen werden. Dies wird, wie einleitend schon bemerkt, in solchen Fällen leicht sein, in denen Täuschungen Folgen haben, die relativ eindeutig interpretiert werden können. In allen anderen Fällen ist eine methodisch abgesichterte eindeutige Entscheidung nicht möglich.
In solchen Fällen muß sich jeder aufgrund der vorgelegten Argumente selbst ein Urteil bilden und sich entscheiden, was ihn überzeugt und was nicht.
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Kapitel 5: Ist Astrologie prüfbar?
Dieses Kapitel stammt vollständig als „Langzitat“ aus der Dissertation von Dr. Peter Niehenke: Kritische Astrologie. Zur erkenntnistheoretischen und empirisch-psychologischen Prüfung ihres Anspruchs.
Ich danke Dr. Niehenke ganz herzlich fr die Erlaubnis, seinen Text in dieser Schrift verwenden zu dürfen.
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Kapitel 5.1: Auffassungen über die Natur astrologischer Aussagen
Astrologie ist die symbolische Deutung räumlicher Verhältnisse und zeitlicher Abläufe in unserem Sonnensystem. Sie basiert auf der Grundannahme, daß die sich aus solchen Verhältnissen ergebenden Rhythmen mit physikalischen, biologischen und psychischen Abläufen in Organismen auf der Erde in Zusammenhang stehen (siehe Kapitel 2). Astrologie zu prüfen bedeutet, die Angemessenheit ihrer Grundannahme zu prüfen und die Angemessenheit der Deutungen zu prüfen. Die einzelnen Richtungen in der Astrologie unterscheiden sich hinsichtlich zweier Dimensionen, die relativ unabhängig voneinander sind: zum einen hinsichtlich der verwendeten Deutungselemente (siehe Anm. 32), darüberhinaus aber auch hinsichtlich ihrer Auffassungen darüber, von welcher Natur der in Rede stehende Zusammenhang sei. Da die Beantwortung dieser Frage für die Realisierung einer angemessenen Prüfung astrologischer Aussagen von Bedeutung ist, sollen die wesentlichen Auffassungen kurz referiert und diskutiert werden.
5.1 Auffassungen über die Natur astrologischer Aussagen
"Und in allen vorgebrachten Meinungen liegt ein Körnchen Wahrheit, denn die Astrologie gleicht einem uralten, schon sehr baufälligen Tempel, an dem im Laufe der Jahrhunderte viele Baumeister und Pfuscher herumgeflickt haben. Das astrologische Lehrgebäude ist wie ein Konglomerat von Gesteinsarten aus verschiedenen geologischen Epochen, in dem Altes und Neues, Mythos und Wissenschaft, physikalische und psychologische Erkenntnisse bunt gemischt und zusammengekleistert wurden. Daher die vielen Widersprüche in der Astrologie, daher auch die Unmöglichkeit, für das Gesamtgebiet der Astrologie eine einheitliche Erklärungshypothese aufzustellen." (KNAPPICH 1967, 307f)
Die Auffassungen zur Frage der Natur der astrologischen Aussagen sollen in vier Gruppen zusammengefaßt werden, die Stufen der "Rigidität" der Forderung nach Objektivierbarkeit des behaupteten Wissens repräsentieren:
1. Esoterische Astrologie: Astrologisches Wissen ist Offenbarungswissen. "Die Esoteriker erblicken in der überlieferten astrologischen Lehre eine von göttlichen Wesen oder erhabenen Denkern, wie Hermes Trismegistos, geoffenbarte kosmische Philosophie, die nur von Eingeweihten subjektiv nacherlebt und verstanden werden kann". (KNAPPICH 1967, 309)
2. Symbolische Astrologie: Die in dieser Arbeit dargestellte Astrologie gehört hierher. Es wird ein Deutungssystem vorausgesetzt, innerhalb dessen den verschiedenen astronomischen Gegebenheiten (den Planeten und deren Konstellationen, be stimmten Abschnitten des Raumes) eine symbolische Bedeutung zugeschrieben wird. Die Symbole repräsentieren grundlegende (prinzipielle, elementare) Strukturen, die Materielles, Seelisches und Geistiges gleichermaßen umfassen.
3. "Astrologie als Erfahrungswissenschaft" (KLOECKLER 1925): Astrologische Aussagen beruhen auf aus Beobachtungen abgeleiteten Regeln (etwa wie Regeln des richtigen Anbaus von Wein) über systematisch auftretende Koinzidenzen zwischen Himmelserscheinungen und Abläufen auf der Erde *99. Diese Beobachtungen führten zur Aufstellung eines Systems, welches in Form von Metaphern und Allegorien tradiert wurde und wird.
4. Astrologie als "Naturwissenschaft": Bei den Regeln der Astrologie handelt es sich um die Beschreibung von Wirkungen der Planeten auf Organismen analog anderen bekannten energie-schwachen physikalischen Wirkungen - so z. B. die sehr schwacheunddoch, aufgrund der "Sensibilität" des Radios, sehr effiziente Wirkung der Radiowellen, die ein Sender aussendet, auf das empfangende Radio. Die genaue Form dieser Wirkungen ist derzeit noch nicht bekannt und deshalb nur in Form von Metaphern formulierbar.
Die Symbolische Astrologie und die Auffassung von Astrologie als einer Erfahrungswissenschaft wird von Astrologen häufig nicht auseinandergehalten. Es ist aber notwendig, eine Trennung vorzunehmen: Die symbolische Astrologie läßt, streng genommen, nur "Erweiterungen" (ggf. "Umformulierungen") der Bedeutung ihrer Elemente zu, keine völlige "Umdefinition". Dies war auch die Haltung des großen Astrologen dieses Jahrhunderts im deutschen Sprachraum, Thomas RING: "Eine neue Regel in der Astrologie wird zugelassen, wenn sie denknotwendig ist und sich in der Erfahrung bewährt hat." *100 Eine an "Sammlung von Beobachtungen" orientierte Astrologie ist dagegen jederzeit in der Lage, bei Vorliegen neuer Fakten die bisherigen Regeln (ggf. vollständig) zu ändern. Dies ist auch der Weg der sog. "Neo-Astrologie" (s.u.).
Auch die Auffassungen von Astrologie als Erfahrungswissenschaft einerseits,Naturwissenschaft andererseits werden oft nicht auseinandergehalten. Die dritte Auffassung ist jedoch nicht festgelegt, was das zugrundeliegende "Weltbild" angeht; der Begriff der Erfahrung ist dort weiter auszulegen. Schließlich gehen auch die Esoterische und die Symbolische Astrologie in der Argumentation von Astrologen häufig ineinander über. Die einzelnen Auffassungen müssen aber wegen der Konsequenzen für eine mögliche Prüfung - vor dem Hintergrund der Angemessenheit der Methode - unterschieden werden.
Esoterische Astrologie Für die Esoterische Astrologie ist eine Prüfung ihrer Aussagen weder notwendig noch möglich. Diese Auffassung von Astrologie ist daher für unsere Erörterungen nicht von Bedeutung.
Astrologie als "Naturwissenschaft" Das Bedürfnis, den Zusammenhang zwischen Kosmos und Bios physisch-kausal verstehen zu können, ist alt. Das versuchte schon PTOLOMAEUS im 2. Jhd. (1822). Das Bedürfnis ist verständlich: ist doch für viele die "Undenkbarkeit" eines kausalen Zusammenhanges der Anlaß, die Astrologie schon von daher abzulehnen. Im Hintergrund steht dabei die Überzeugung, daß die Postulierung nicht-kausaler Zusammenhänge dem Bereich vorwissenschaftlichen Denkens, dem Bereich von Aberglauben und Magie angehören.
"Ideologische" Schwierigkeiten dieser Art lösen sich oft auf überraschende Weise: Sie entpuppen sich als Scheinprobleme. - Seit die Materie im Zuge der immer weiter fortschreitenden Auflösung ihrer aus der Alltagserfahrung gewohnten Eigenschaften (z. B. der Solidität oder Undurchdringlichkeit) keine selbstverständliche Kategorie mehr ist, so daß wir eigentlich gar nicht (mehr) wissen, was Materie überhaupt genau ist, entpuppt sich z. B. der Materialismus-Idealismus-Gegensatz als ein solches Scheinproblem. Materie wird immer "immaterieller" (WEIZSᅣCKER 1971, 289, 312 ff). Ähnliches könnte sich für die Kategorie "Wirkung" bzw. "Ursache" einmal erweisen; erkenntnistheoretisch sind sie ohnehin keine "Selbstverständlichkeiten".
Vertreter der Auffassung von Astrologie als einer "Naturwissenschaft" operieren häufig mit Analogien zu physikalischen Modellvorstellungen (MODERSOHN 1983). Es wird dabei meist nicht gesehen, daß diese Modellvorstellungen in den Naturwissenschaften nur einen heuristischen Wert haben (haben sollten!) und ihren Sinn erst aus der Zuordnung zu bestimmten experimentellen Anordnungen und durch eindeutige "Meßvorschriften" erhalten. (Siehe Anm. 61 und 72) Häufig liegt dieser Auffassung eine unreflektiert übernommene Verabsolutierung des Wahrheitsanspruchs der Naturwissenschaften zugrunde. Insbesondere wird die Relativität der Kategorie "Kausalität" nicht gesehen, weshalb auch für astrologische Zusammenhänge nach glaubwürdigen Ursachen gesucht wird, die dann in nicht näher bestimmbaren "Strahlen" (in Analogie zu Radiowellen) gesehen werden (siehe auch Anm. 42).
Mit diesen Einwänden soll nicht die Fruchtbarkeit von Forschungen in Frage gestellt werden, die mit naturwissenschaftlichen Mitteln Beziehungen zwischen Kosmos und Mensch untersuchen, ganz im Gegenteil: Solche Untersuchungen haben jedoch für die Astrologie den gleichen Stellenwert, wie ihn Biologie und Physiologie für die Psychologie haben: Ebensowenig wie sich das gedankliche und emotionale Geschehen im Menschen vollständig auf biophysikalische und biochemische Veränderungen im Körper (einschließlich des Gehirns) reduzieren läßt - insbesondere nicht im Lichte der Erkenntnisse der Systemtheorie -, ebensowenig läßt sich die Astrologie in der derzeit praktizierten Form vollständig auf physikalische "Wirkungen" der Gestirne reduzieren (NIEHENKE, 1981), wenngleich in beiden Fällen unbestreitbar enge Beziehungen bestehen.
Astrologie als Erfahrungswissenschaft Wenn Astrologie als Erfahrungswissenschaft bezeichnet wird, so soll damit ausgedrückt werden, daß die Behauptungen, die Astrologen aufstellen, nicht Glaubenssätze sind, sondern Erfahrungen, daß sie aus Beobachtungen abgeleitet werden und an der Beobachtung zu prüfen sind. Man stellt man sich dieses Prüfen allerdings oft einfacher vor als es im Falle der Astrologie tatsächlich ist. Insbesondere die frühen Arbeiten von CHOISNARD (1919, 1920) oder KRAFFT (1939) dabei an methodischen Fehlern, wie GAUQUELIN (1960) nachgewiesen hat (referiert bei EYSENCK/NIAS 1982, 62ff), doch auch die meisten der zahlreichen neuen Untersuchungen zur Astrologie sind oft methodisch so dilletantisch angelegt, daß die Ergebnisse nicht interpretierbar sind (DEAN/MATHER 1977).
Überblickt man die Forschungen der letzten Jahrzehnte, so gewinnt man den Eindruck, als beginne sich aus der hier gerade beschriebenen Auffassung von Astrologie auf der Basis einer besonders strikten Verfolgung eines rein empirischen Zugangs langsam eine ganz neue Art Astrologie zu entwickeln, eine "Neo-Astrologie" (GAUQUELIN 1983). Sie tendiert bei der "Erklärung" astrologischer Zusammenhänge zu naturwissenschaftlichen Konzepten, ohne jedoch der vereinfachenden Vorstellung von Planeten-Wirkungen in der oben beschriebenen Form zu verfallen. Mit der Symbolischen Astrologie hat sie kaum mehr gemeinsam als die Alchemie mit der Chemie, insbesondere im Hinblick auf die Methodik des Vorgehens: An die Stelle einer universalen, in Symbolen vermittelten "Theorie" über den Zusammenhang zwischen Kosmos und Mensch, tritt die Überprüfung von Einzelhypothesen über Korrelationen zwischen klar definierten astronomischen Einzelfakten und ebenso klar definierten isolierten Merkmalen einer Person, also Statistik (GAUQUELIN 1983, STARK 1985, EYSENCK/NIAS 1982, DWYER 1983a+b). Und es werden ausschließlich solche Regeln für die "Deutung" des Horoskops akzeptiert, die einer statistischen Überprüfung standgehalten haben bzw. die auf diese Weise erst entwickelt wurden.
Diese Art der "Astrologie" ist untrennbar verknüpft mit dem Namen Michel GAUQUELIN. In mehr als 40jähriger Pionierarbeit unterzog er, zusammen mit seiner Frau Francoise, weite Teile der Klassischen Astrologie einer statistischen Analyse, indem er astrologische Regeln ("Einzelhypothesen"), die implizit oder explizit ja immer Aussagen über Häufigkeiten machen, mit den entsprechenden Planeten-Konstellationen korrelierte. Seine Arbeiten werden im 6. Kapitel ausführlich dargestellt werden.
Symbolische Astrologie Im Unterschied zur "Neo-Astrologie" als Beispiel eines konsequenten rein empirischen Zugangs hält die Symbolische Astrologiean der Gesamt-Struktur der Astrologie als einem in sich geschlossenen Aussage-System fest - man könnte sagen, sie hält an der "Gestalt" der Astrologie fest. Doch auch Astrologen, die Astrologie im Sinne der Symbolischen Astrologie verstehen, würden für sich in Anspruch nehmen, daß sie ihre Behauptungen an der Erfahrung prüfen. Sie gehen dabei von einem Begriff von Erfahrung aus, der weiter gefaßt ist: auch Erlebnisse der Evidenz gehören dazu. Ein weiterer wesentlicher Unterschied besteht darin, daß die Ebene der Symbole von der Ebene ihrer "Entsprechungen" getrennt gesehen wird, d.h. die Bedeutung eines Symbols ist nicht identisch mit seinen Entsprechungen: die Entsprechungen sind Beispiele; sie erläutern die Bedeutung des Symbols. Sie sind keine (operationalen) "Definitionen". Dabei wird implizit angenommen, daß es "etwas" gibt (eine "Idee"), was diese Symbole "eigentlich" sind.
Am leichtesten läßt sich das, was sie "eigentlich" sind, in der Sprache der Systemtheorie formulieren, wenn man die "Ebene der Wirklichkeit", deren Struktur die Astrologie spiegelt, als die Ebene der "System-Eigenschaften" versteht. Wie weit das tatsächlich durchzuhalten ist, kann nur eine sorgfältige vergleichende Studie klären. Im Rahmen dieser Arbeit ist das leider nicht zu leisten.
In ihrer Not, den intuitiv erfaßten Strukturen der Realität, die sich im Horoskop spiegeln, keine allgemein verständliche "Ebene" zuordnen zu können (als die Ebene der "Zeichen der Götter", wie in Kapitel 1 beschrieben, verloren war), haben Astrologen zu den verschiedensten "Erklärungen" gegriffen, den Kosmos-Bios-Zusammenhang plausibel erscheinen zu lassen. Thomas RING lehnte sich, wie beschrieben, an das von R.H. FRANCE entwickelte System einer ganzheitlich-verstehenden Biologie an - wir können dies als einen Spezialfall des systemtheoretischen Ansatzes verstehen (s.u.). RIEMANN (1976) postuliert ein "Kosmisches Unbewußtes", das er, metaphorisch gesprochen, noch "unterhalb" der Ebene des von C.G. JUNG (1976) konzipierten "Kollektiven Unbewußten" ansiedelt, wobei dieses "Kollektive Unbewußte" von JUNG bereits als eine allgemeinere, "tiefere" Schicht zum "persönlichen Unbewußten" im Sinne von Sigmund FREUD zu verstehen ist.
Folgerungen für die Prüfung astrologischer Aussagen
Esoterische Astrologie bedarf keiner Prüfung und ist ihrer per definitionem auch nicht fähig. Der Versuch, den Kosmos-Bios-Zusammenhang physisch-kausal aufzufassen, ist unvereinbar mit der Art, wie Astrologie praktisch betrieben wird: Entweder die Astrologie, wie wir sie betreiben, ist richtig, dann kann sie nicht auf "Wirkungen" der Planeten auf Organismen zurückgeführt werden - oder die Astrologie basiert ausschließlich auf solchen (bisher noch nicht erkannten) Wirkungen, dann kann die Art, in der wir sie betreiben, nicht richtig sein (NIEHENKE 1981).
Am befriedigendsten im Sinne des heutigen Wissenschaftsverständnisses ist die sog. "Neo-Astrologie". Streng genug betrieben sind ihre Ergebnisse genau so "sicher" wie die Methoden der Statistik, auf die sie sich ausschließlich stützt - die einzige Schwierigkeit besteht in einer möglicherweise fehlerhaften oder inadäquaten Verwendung statistischer Prozeduren. Die von ihr benutzten Grunddaten sind eindeutig operationalisiert (z. B.: Mitglied der Akademie Francaise, siehe Kapitel 6), die Interpretation der Ergebnisse folgt den auch in der Psychologie allgemein akzeptierten Regeln. Es verwundert nicht, daß Wissenschaftler wie EYSENCK, der selbst an der Entwicklung der heute gültigen "Regeln wissenschaftlichen Forschens" in der akademischen Psychologie maßgeblichen Anteil hat, die Ergebnisse der "Neo-Astrologie" für die einzigen ernstzunehmenden Ergebnisse im Bereich der astrologischen Forschung überhaupt hält (EYSENCK/NIAS 1982, 294ff).
Die GAUQUELINs untersuchen jedoch nicht wirklich die Astrologie, zumindest nicht diejenige, die ich als Symbolische Astrologie weiter oben skizziert habe. Wir finden in ihren Schriften auch keine Erörterungen über die Angemessenheit ihrer Operationalisierungen der Bedeutung der astrologischen Symbole *101. Dieses Problem ergibt sich für sie gar nicht, da sie zu den Entsprechungen auf rein empirischem Wege gelangen. Dem quantitativ-statistischen Ansatz zufolge kommen sie dann (zwangsläufig) dazu, die Bedeutung dieser Symbole als eine Sammlung von Entsprechungen aufzufassen, die sie in bezug auf die psychologische Aussage-Dimension zu Listen von "key-words" zusammenfassen (siehe Kap. 6) . Wie wir gesehen haben, ist es wahrscheinlich, daß dabei etwas von dem, was diese Symbole ausdrücken, verlorengeht (Kapitel 4).
Wenn man, eingedenk dieser Begrenzung, ihre Ergebnisse mit der nötigen Vorsicht interpretiert, so sind sie von unschätzbarem Wert, zeigen sie doch mit gegenwärtig in den etablierten Wissenschaften allgemein anerkannten Mitteln, daß die Existenz eines Zusammenhangs zwischen der kosmischen "Situation" im Moment der Geburt eines Menschen und dem Leben dieses Menschen mit gleichem Recht eine "wissenschaftliche Tatsache" genannt werden darf wie alle anderen in Natur- und Sozialwissenschaften erforschten Zusammenhänge, deren "Existenz-Beweis" sich auf statistische Untersuchungen stützt. Wie ERTEL (1986) überzeugend darlegt, bilden die Ergebnisse aller GAUQUELIN'schen Untersuchungen ein "Netzwerk von Relationen, das sich mit seiner dynamischen Struktur von anderen empirisch-theoretischen Netzwerken der Naturwissenschaft, die sich historisch bewährt haben, in den Grundzügen nicht unterscheidet." (109)
Diese Tatsache, daß die Ergebnisse mit anerkannten wissenschaftlichen Methoden gewonnen wurden, wirkt auf viele Wissenschaftler aus dem "Lager der Gegner" der Astrologie besonders provozierend. Daher wird die Arbeit der GAUQUELINs auch erbittert bekämpft (siehe EYSENCK/NIAS 1982, 279ff), doch: "Dies übersehen zu haben (die Netzstruktur der GAUQUELIN'schen Ergebnisse, Anm. d. Verf.) gehört zu den größten Fehlern der Komitees, die glaubten, sich ihrer Aufgabe (der Widerlegung GAUQUELINs, Anm. d. Verf.) mit einem einzigen Überprüfungsfall entledigen zu können. Gegenüber den Dimensionen des empirisch bereits ausgebauten GAUQUELIN-Programms vermag ein punktueller Einzeltest nur wenig auszurichten." (ERTEL 1986, 109)
Ähnlich wie Psychologen, die ausgehend vom dem Bedürfnis, das Phänomen der menschlichen Intelligenz zu untersuchen, dazu übergingen, sich den Gegenstand ihrer Untersuchung selbst zu "konstruieren": Intelligenz ist das, was der Intelligenztest mißt (siehe Kapitel 3), konstruieren sich auch die GAUQUELINs, ausgehend von dem Bedürfnis, die Astrologie zu untersuchen, ihren Gegenstand selbst durch die Art ihrer "Operationalisierungen". In beiden Fällen besteht die Gefahr, daß der eigentliche Untersuchungsgegenstand dabei "verfehlt" wird, daß man die an einem eingeschränkten Begriff des Gegenstandes gewonnenen Erkenntnisse, deren Bezug zum ursprünglichen Gegenstand im dunkeln bleibt, auf den Gegenstand als Ganzen überträgt. Kämpft also der strikt empirische Zugang mit dem (ungelösten) Problem einer angemessenen Operationalisierung der Bedeutung der astrologischen Symbole, so kämpft die Symbolische Astrologie mit dem (ungelösten) Problem, ein verläßliches Kriterium für die Angemessenheit einer Deutung zu finden. Vielleicht sind ja beide Wege nicht einander ausschließend sondern "komplementär"...
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Kapitel 5.2: Die "Verifikations-Aporie" der Symbolischen Astrologie
Man könnte aus dem zuletzt angeführten Beispiel im vorangegangenen Kapitel: eine Klientin hatte die Deutung eines falsch berechneten Horoskops als sehr "stimmig" empfunden, den Schluß ziehen, derartige "Evidenz-Erlebnisse" seien also grundsätzlich trügerisch. Dieser Schluß wäre jedoch sehr voreilig, insbesondere deshalb, weil es auch gegenteilige Beispiele gibt, Beispiele also, die solche Evidenzerlebnisse als recht verläßlich erscheinen lassen.
Ein Klient - wie sich später herausstellte, ein Pfarrer -, der bei mir ein schriftliches sog. "Blind-Gutachten" *102 in Auftrag gegeben hatte, weil er neugierig war, was Astrologie leisten könne, rief mich direkt nach Erhalt dieses Gutachtens an, um mir seine Unzufriedenheit mitzuteilen: manches stimme, anderes sei total falsch, das Gutachten sei "weder Fisch noch Fleisch". Der Klient hatte mir seine Geburtszeit ungenau angegeben, so daß ich ihn bat, doch beim Standesamt seines Geburtsortes sicherheitshalber noch einmal nachzufragen. Es stellte sich tatsächlich heraus, daß die Angabe, die er von seiner Mutter erfahren hatte, um vier Stunden von der standesamtlichen Angabe abwich. Er bestellte daraufhin ein zweites ausführliches Gutachten auf der Grundlage der standesamtlichen Geburtszeit-Angabe. Auch in diesem Fall rief er mich nach Erhalt des Gutachtens sogleich an. Diesmal war er begeistert; und auch sein Freund, dem er das Gutachten ebenfalls zu lesen gegeben hatte, fand es treffend. Ich benutze die zwei Gutachten gern in Seminaren zur Demonstration der Tatsache, daß ein Unterschied von 4 Stunden in der Geburtszeit die Struktur des Horoskops so stark verändert, daß der Unterschied zu zwei nahezu entgegengesetzten Deutungen führen kann. - Die Zustimmung zum zweiten Gutachten wird in diesem Fall dadurch "aufgewertet", daß der Klient durch die Ablehnung des ersten Gutachtens bewiesen hat, daß er kritikfähig ist und nicht dazu neigt, beliebige Beschreibungen seiner Person als "stimmig" zu akzeptieren. *103
Dennoch: Sowohl die Zustimmung wie auch die Ablehnung einer Deutung durch einen Klienten können schon deshalb nicht als alleiniges Kriterium für Zutreffen oder Nicht-Zutreffen der Deutung akzeptiert werden, weil es keineswegs gewährleistet ist, daß sich der Klient in jedem Fall selbst gut genug einschätzen kann, um diese Entscheidung zu treffen. Wenn ein Klient eine Psychotherapie erhalten hat, so wird seine Selbstwahrnehmung nach der Therapie in den meisten Fallen anders sein als zuvor. Diese unterschiedliche Selbstwahrnehmung ist nicht allein Konsequenz davon, daß er sich (wie zu hoffen ist) geändert hat, sondern sie beinhaltet auch eine größere Sensibilität für eigene Bedürfnisse und Motive, weil es ihm leichter fällt, sich diese Bedürfnisse jetzt einzugestehen. Im positivsten Fall beinhaltet sie eine bessere Sensibilität für das, "was er eigentlich ist".
Jeder erfährt zudem an sich selbst, daß er viele Aspekte seines eigenen Wesens als Jugendlicher noch nicht wahrgenommen hat. Manche Wesenszüge werden uns sogar erst sehr spät bewußt, und wir erkennen im Nachhinein, welche Motive uns bei früheren Handlungen geleitet haben, die wir damals nicht hätten angeben können, weil wir uns ihrer nicht bewußt waren (und sein konnten).
Die beschriebene Situationläuft auf eine Aporie hinaus: Die Zustimmung des Klienten zu einer Deutung ist kein grundsätzlich verläßliches Kriterium, da nicht gewährleistet ist, daß er sein "Wesen" bewußt beschreiben kann (siehe auch SCHADE 1983). Eine objektive Erfassung der Persönlichkeits-Struktur ist jedoch nach den Ausführungen im vorangegangenen Kapitel nicht möglich. Also gibt es überhaupt kein verläßliches Kriterium für die Frage des Zutreffens oder Nicht-Zutreffens einer astrologischen Deutung.*104
Da die Zuverlässigkeit einer Entscheidung über das Zutreffen oder Nicht-Zutreffen einer astrologischen Deutung auf der Basis quantitativ-statistischer Methoden ebenfalls nicht gewährleistet werden kann, stehen wir vor der Situation, daß eine zuverlässige Entscheidung über das Zutreffen einer astrologischen Deutung weder auf der Basis des "ganzheitlichen Eindrucks" noch auf der Basis quantitativ-statistischer Methoden möglich ist *105. Diese Folgerung ist keine "Spitzfindigkeit": Sie ist ein konkretes Beispiel für die im dritten Kapitel aufgrund allgemein wissenschaftstheoretischer Erwägungen formulierte Erkenntnis, daß es keine Wahrheitsgarantie gibt. Damit ist sie vielleicht auch eine Erklärung dafür, daß sich heute wie vor 2000 Jahren zwei Gruppen von Menschen gegenüberstehen: die einen halten Astrologie für möglich oder aufgrund ihres Begriffs von Erfahrung sogar für erwiesen, die anderen halten sie aufgrund ihres Begriffs von Erfahrung für widerlegt oder gar von vornherein für unsinnig (Aberglauben).
Diese für wissenschaftliches Arbeiten auch in anderen Bereichen unvermeidbare Aporie läßt verschiedene Konsequenzen denkbar erscheinen: Man kann sich entscheiden, nur solche Sachverhalte wissenschaftlich zu untersuchen, die (möglichst) eindeutig operationalisierbar sind. Diese Begrenzung ist charakteristisch für die Naturwissenschaften, aber auch für die "akademische Psychologie" - und auch eine "akademische Astrologie". In diesem Fall schränkt man der Eindeutigkeit wegen freiwillig den Bereich von Erfahrungen ein, und kann daher über das jenseits dieses Bereiches liegende wissenschaftlich keine Aussagen machen. Wenn ich Wissenschaft in diesem Sinne verstehen will, ist eine wissenschaftliche Entscheidung über die Behauptungen der (Symbolischen) Astrologie nicht möglich, da die Sachverhalte, über die in der (Symbolischen) Astrologie Behauptungen aufgestellt werden, nicht angemessen operationalisiert werden können.
Wenn man aber, im Bewußtsein der ohnehin nicht vermeidbaren Relativität und Standpunkt-Gebundenheit einer jeden wissenschaftlichen Erkenntnis, einschließlich derer, die auf der Basis eines rigiden Operationalismus zustandekommen, methodische Prinzipien nicht als "Richter", sondern als "Helfer" betrachtet, so kommt man zwangsläufig zur Auffassung der "Komplementarität" unterschiedlicher Forschungswege. Es geht dann nicht mehr um die Frage einer Entscheidung über Sein oder Nicht-Sein auf der Basis irirgendeiner einzelnen Methode, sondern um die Frage: Wie erscheint mein Untersuchungsgegenstand im Lichte der verschiedenen Methoden, die mir möglicherweise unterschiedliche Aspekte der Realität offenlegen? Und mit der "Kraft meiner Vernunft" fälle ich dann aufgrund dieser verschiedenen "Ansichten" mein Urteil.
Die zuletzt genannte Auffassung ist die einzig begründbare Konsequenz aus der Erkenntnis, daß es keine "Wahrheitsgarantie" gibt. Das "experimentum crucis", mit dessen Hilfe die Astrologie bewiesen oder widerlegt werden könnte, gibt es nicht! Astrologische Forschung besteht im Sammeln von Belegen für und gegen die astrologischen Behauptungen mit den unterschiedlichsten Methoden. Das Bewußtsein, daß keine Methode dabei fehlerfrei ist, läßt die Beiträge einer jeden Methode bedeutsam werden. *106
"Die Naturwissenschaft ist meinem Gefühl nach nicht weit genug entwickelt, um sagen zu können, daß das nicht wahr sein kann - und auch nicht weit genug entwickelt, um zu sagen, wie es zusammenhängt, wenn es wahr ist." (WEIZSᅣCKER 1976) Dies gilt, in besonderem Maße, auch für die Psychologie.
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Kapitel 5.3: Sechs Wege zur Erforschung der Astrologie
Der naturwissenschaftliche Zugang
Hier geht es um die Erforschung von elementaren Zusammenhängen, bei denen das sehr komplexe Problem der Verifikation der Aussagen aus dem Horoskop zunächst ausgeklammert bleibt. Wenn sich zeigen ließe, daß ein Zusammenhang zwischen Planeten-Konstellation und dem Ablauf "einfacher" und damit leicht objektivierbarer physikalischer, chemischer oder biologischer Prozesse (ggf. in Organismen) auf der Erde besteht (siehe dazu das "Austern-Beispiel" in Kapitel 2.1), so wäre das ein Beleg für die Grundannahme der Astrologie. Damit wäre über die Angemessenheit der Deutungen noch nichts ausgesagt, doch je nach der Form der Ergebnisse könnte sich daraus auch eine Stützung der These ableiten lassen, daß das Horoskop die Persölichkeits-Struktur eines Menschen in einem gewissen Sinne bzw. in einem gewissen Umfang widerspiegeln müßte.
Quantitativ-statistische Prüfung astrologischer Hypothesen auf Merkmals-Ebene
Die Gestalt-Psychologie hat uns gelehrt, daß das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, die Erkenntnisse der Systemtheorie zeigen zudem, daß solche Ganzheiten nicht nur "Organisations-Tendenzen" der menschlichen Wahrnehmung, sondern daß sie "empirische Tatsachen" sind. Dieses Mehr zu erfassen, stößtnaturgemäß bei Methoden, die sich mit den Teilen beschäftigen, auf große Schwierigkeiten. Es wäre allerdings ein Mißverständnis, aus dieser Erkenntnis die Behauptung abzuleiten, die Summe der Teile, für sich allein genommen, sei bedeutungslos. Die "Summe der Teile" hat, wie auch jedes Einzelteil für sich genommen, sehr wohl einen Aussagewert, und darin liegt der dennoch vertretbare Anspruch quantitativ-statistischer Forschungsmethoden begründet, auch in der Astrologie. Das Ganze ist zwar mehr als die Summe seiner Teile, aber die Summe der Teile ist damit nicht gleich gar nichts. (siehe auch NIEHENKE 1981)
Wenn ein Symbol in Lehrbüchern durch die Angabe typischer Entsprechungen erklärt wird, so ist es plausibel anzunehmen, daß derartige Entsprechungen im Zusammenhang mit diesem Symbol auch häufiger zu beobachten sind. Wenn diese Annahme auch nicht zwingend ist *107, so ist sie dennoch nicht unbegründet. Anders ausgedrückt: es lohnt sich der Versuch! Die Berechtigung des Vorgehens wird durch den Erfolg belegt, und zumindest GAUQUELIN kann diesen Erfolg vorweisen.
GAUQUELINs Arbeiten sind daher auch das herausragende Beispiel für diese Art des Vorgehens. Es wird dabei also nicht das ganze Horoskop und die Angemessenheit seiner Deutung untersucht, sondern Beziehungen zwischen einzelnen astronomischen Gegebenheiten und frei gewählten Außenkriterien (z. B. dem Beruf). Dabei ist es vom Vorgehen her nicht von Belang, ob die untersuchten astronomischen Gegebenheiten in der Astrologie Träger einer symbolischen Bedeutung sind. Es ist ein ähnliches Vorgehen wie in der Psychologie, wenn nachgewiesen wird, daß der "IQ" mit der Schulleistung korreliert. Wenn man, wie die GAUQUELINs es getan haben, die Beschreibung berühmter Persönlichkeiten in verschiedenen Biografien zum Außenkriterium wählt (siehe Kap. 6), so ist damit auch ein Schluß auf die Persönlichkeits-Struktur des betreffenden Individuums denkbar.
Die Regeln der Astrologie fungieren bei diesem Vorgehen also nur als "Hypothesen-Fundus", als Anregung, welche Zusammenhänge zu untersuchen es sich lohnen könnte. Tatsächlich werden häufig dort Zusammenhänge gefunden, wo sie nach astrologischer Tradition erwartet werden müssen. Dieser Weg ermöglicht zunächst ebenfalls nur eine Prüfung der "Grundannahme der Astrologie", da das Horoskop als solches ja gar nicht untersucht wird. Da aber nicht beliebige astronomische Gegebenheiten untersucht werden, sondern vorwiegend solche, die als "Deutungselemente" in der Astrologie Träger einer symbolischen Bedeutung sind, ist also durchaus, wenn auch nur sehr vorsichtig, ein Schluß auf die Angemessenheit dieser Bedeutungen möglich.
Der "experimentelle" Zugang: Zuordnungs-Tests
Der dritte Weg besteht darin, die Fähigkeit der Astrologen zu bestimmten Zuordnungen zu prüfen. Wenn der Astrologe in der Lage ist, das "Wesen" eines Menschen zu erfassen, so könnte man folgern, daß er dann fähig sein sollte, z. B. das Horoskop eines Gewaltverbrechers aus einer Reihe von Horoskopen "unbescholtener Bürger" herauszufinden. Dies wäre jedoch ein Fehlschluß, denn wir dürfen nicht erwarten, daß das Horoskop unsere kulturspezifischen und zeitspezifischen Moralvorstellungen widerspiegelt. Auch in der Psychologie ist es bisher noch nicht gelungen, "Kriminalität" als Persönlichkeitsmerkmal dingfest zu machen (weil es kein Persönlichkeitsmerkmal ist). Dieses Vorgehen verlangt also Vorannahmen darüber, welchen Grad an Spezifität und Konkretion die Deutung eines Horoskops erlaubt. Nach moderner Auffassung spiegelt das Horoskop nur "Grundlegendes", Prinzipielles, wie z. B. das Verhältnis zum Thema "materielle Sicherheit" (siehe das Beispiel von Karl Marx in Kapitel 2). Es ist also bei diesem Vorgehen sehr sorgfältig zu prüfen, ob nicht "abergläubische Vorstellungen" über die Astrologie zum Gegenstand der Untersuchung gemacht werden *108.
Es bleibt also bei derartigen Untersuchungen ein sehr großer Interpretations-Spielraum, der zum einen darin besteht, festzustellen, was denn z. B. wirklich "typisch" für einen Gewaltverbrecher sei und zum anderen darin, zu entscheiden, in welchem Umfange es sich bei diesen "typischen Merkmalen" um etwas Prinzipielles, etwas Grundlegendes handelt *109.
Noch komplizierter wird dieses Vorgehen, wenn wir auch die ASW-Hypothese in unsere Überlegungen einbeziehen (s. Anm. 105). Daß es speziell unter Astrologen einige sehr intuitiv, vielleicht sogar medial veranlagte Menschen geben dürfte, scheint auch plausibel. Wenn jedoch die Zuordnung nicht gelingt, dann war sie weder auf medialem Wege noch auf astro-"logischem" Wege möglich, so daß ein mißlungenes Experiment einfacher zu interpretieren ist: es zeigt, daß die entsprechende Zuordnung mit den Mitteln der Astrologie nicht möglich ist.
Vergleich astrologischer Deutungen mit Selbst- oder Fremdbeurteilungen einer Person
Während die Prüfung auf Merkmals-Ebene keinerlei "diagnostisches Urteil" beinhaltet, weder in Form einer Deutung astronomischer Sachverhalte noch bei der Definition des Kriteriums für die Prüfung, sind bei Zuordnungs-Tests im beschriebenen Sinne auf Seiten der Deutung des Horoskops diagnostische Urteile von Astrologen enthalten.
Wähle für die Prüfung eine Beschreibung, Beurteilung oder Begutachtung einer Person, sei es eine biografische Anamnese, eine Selbstbeurteilung, eine graphologische oder auf einer Testbatterie basierende Diagnose, so läuft diese Prüfung auf einen Vergleich zweier auf unterschiedlichem Wege gewonnenen Urteile über eine Person hinaus.
Dieses Vorgehen entspricht, sofern es sich um eine Selbstbeurteilung handelt, der Beratungs-Situation, in der die Selbstwahrnehmung einer Person mit der astrologischen Deutung konfrontiert wird. Wird dies als Prüfung der astrologischen Deutung aufgefaßt, so gelten die bereits dargestellten Einschränkungen der Interpretierbarkeit der so ermittelten Resultate. Eine ganze Reihe von Astrologen halten trotz dieser Einschränkungen diese Form der Überprüfung der Astrologie für die einzig adäquate. LOCKWOWANDT (1984) spricht, ausgehend von sehr ähnlichen Schwierigkeiten der Validierung graphologischer Deutungen, von "dialogischer Validität": "Wir haben deshalb vorgeschlagen, die Gültigkeit der Astrologie nicht über einfache artifizielle und oberflächliche Zusammenhänge zu überprüfen, sondern stattdessen dabei die extensive Arbeit mit intensiven (kasuistischen) Erkundungen zu verbinden und so zu ergänzen."
Das Kriterium der dialogischen Validität wirft jedoch neue Probleme auf, da der in einem solchen Dialog möglicherweise stattfindende Prozeß der Konvergenz von Astrologen-Urteil und Selbstwahrnehmung einer Person sehr schwer transparent zu machen ist: Im Einzelfall wäre genau zu prüfen, wieviel einfache Überredung des Astrologen beteiligt ist, wieviel Bereitschaft auf Seiten des Klienten, jedwede astrologische Interpretation der eigenen Persönlichkeit als "stimmig" zu akzeptieren.
Sicher entbehrt die Annahme nicht einer gewissen Plausibilität, daß das Selbst-Urteil eines Klienten nach erfolgreicher Therapie oder nach einem intensiven, die Selbstreflexion steigernden Dialog auf der Basis einer (astrologischen) Diagnose verläßlicher ist als das "naive" Urteil. Mehr als plausibel ist die Annahme aber auch wieder nicht. Jeder kritische Astrologe kennt die Erfahrung "falscher Evidenzen", wenn irrtümlich ein falsch berechnetes Horoskop die Grundlage der Deutung war und dennoch "alles stimmte" (siehe Kap. 4.4: Trgerische Evidenz-Gefhle).
Es bedürfte auf Seiten des diagnostizierenden Astrologen einer ungewöhnlich großen Dissonanz-Toleranz, einer ungewöhlich großen Bereitschaft, eigene Überzeugungen in Frage zu stellen und in Frage stellen zu lassen, und eines ungewöhnlichen Ausmaßes an bewußter Kontrolle, wenn er trotz seines Engagements für die Astrologie auf jedwede subtile non-verbale Form der "Beeinflussung" seines Klienten vollständig verzichten könnte.
Handelt es sich andererseits bei dem Kriterium um ein Fremdurteil oder auch eine unabhängig von einem diagnostischen Gespräch erstellte Selbstbeschreibung bzw. -Beurteilung, dann läuft diese Methode auf den Vergleich zweier mit verschiedenen Instrumenten erstellten Beurteilungen einer Person, d.h. also zweier Texte, hinaus. Hierbei bedarf es dann einer Instanz, die die inhaltliche Identität oder Ähnlichkeit dieser beiden sprachlichen Gebilde beurteilen muß.
Dies wirft semantische Probleme auf *110. Darüberhinaus ist die Verläßlichkeit der Instanz, die den Grad der "Ähnlichkeit" beider Beschreibungen festzustellen hat, schwer bestimmbar. Anmutungs-Qualitäten und "Evidenzen" werden eine große Rolle spielen. Die Möglichkeit, durch Einschaltung mehrerer Beurteiler dieses Problem zu lösen oder doch zu entschärfen, birgt neue Probleme: dann nämlich, wenn die Urteile nicht konvergieren. Die Bildung arithmetischer Mittelwerte für diesen Fall löst dieses Problem nicht. *111
Zudem hat ein solches Vorgehen nur Sinn, wenn die Validität des Kriteriums erwiesenermaßen wesentlich höher ist als die der zu prüfenden astrologischen Diagnose. Dies ist keineswegs eine selbstverständliche Voraussetzung (siehe Kap. 6).
Vergleich isolierter astrologischer Konstellationen mit Selbst-oder Fremdbeurteilungen einer Person
Bei der Überprüfung von Hypothesen auf Merkmals-Ebene liegt der Vorteil in der Eindeutigkeit der Bestimmung sowohl des astronomischen (astrologischen) Merkmals wie des Kriteriums, der Nachteil darin, daß dieses Vorgehen der Gestalt-Qualität sowohl des Horoskops wie auch des Kriteriums nicht gerecht wird. (Siehe dazu speziell Kap. 6.4) Beim Zuordnungstest wie auch bei dem zuletzt beschriebenen Vorgehen, wird der Gewinn auf der einen Seite mit einem neuen Problem auf der anderen Seite erkauft: Streng genommen wird auf diese Weise die Fähigkeit von Astrologen zu bestimmten Urteilen geprüft, nicht jedoch die Frage der Validität der Astrologie oder einzelner astrologischer Regeln überprüft. Es gibt gute Gründe, diese beiden Aspekte zu trennen (siehe Kapitel 7.2).
Nun kann die Beurteilung einer Person bzw. sinnvolle "Teil-Ganzheiten" dieser Beurteilung (s. Anm. 84) statt zu einer Deutung des Horoskops auch zu für die jeweilige Beurteilungsdimension bedeutsamen Konstellationen direkt in Beziehung setzen. Dabei wird allerdings der "Gestalt-Charakter" des Horoskops zerstört. Zwar sollte man dennoch erwarten, daß "bedeutsame Einzelkonstellationen" sich auch auswirken, d.h. im Erleben und Verhalten der Person ihren Niederschlag finden; über das Ausmaß der Nivellierung an sich vorhandener Effekte, wie sie durch Zerstörung des Gestalt-Zusammenhanges evtl. verursacht werden, lassen sich jedoch keine verläßlichen Angaben machen.
Die vier zuletzt beschriebenen Wege der Erforschung ergeben sich aus der Variation der Variablen "Ganzheitlichkeit", bezogen sowohl auf die zu prüfende Astrologie als auch auf die zur Anwendung kommenden Kriterien. Vorteile und Mängel jeder Methode stehen zu den Vorteilen und Mängeln alternativer Methoden jeweils in einem reziproken Verhältnis, so daß nur eine zusammenhängende Wertung von möglichst vielen Untersuchungen nach jeder der vier Methoden Basis eines begründeten Urteils über die Astrologie sein kann.
Der systemtheoretische Zugang
Es entspricht einer sinnvollen "Erweiterung" des Ansatzes von Thomas RING, die Bedeutung der (Planeten-) Symbole als Entsprechung elementarer Eigenschaften von Organismen auf die elementaren Eigenschaften von Systemen im Sinne "geordneter Gesamtheiten" allgemein auszudehnen, zumindest auf sog. "selbstorganisierende Systeme". Wie KOESTLER nachgewiesen hat, sind Systeme dieser Art durch die Integration in hierarchische Strukturen gekennzeichnet, innerhalb derer sie sowohl als "Ganzheiten" als auch als "Teile" betrachtet werden können, weshalb er sie "Holons" nennt *112.
Zu den Eigenschaften solcher selbstorganisierender Systeme gehört z. B. die in der Astrologie dem Mars zugeordnete Tendenz, sich im Wettbewerb gegen andere durchzusetzen. KOESTLER führt an, daß das Charakteristische nicht allein die Fähigkeit zur Durchsetzung ist, sondern eine Kombination aus zwei komplementären Fähigkeiten, nämlich "Selbstbehauptung und Integration" (1970, 207): "Die Selbstbehauptungstendenz ist ein grundlegendes und universelles Merkmal der Holons und zeigt sich auf allen Stufen aller Arten von Hierarchien ... Der entgegengesetze Aspekt des Holons besteht in seiner integrativen Tendenz, in der Neigung, als fügsamer Bestandteil eines bestehenden oder in Entwicklung befindlichen Ganzen zu wirken. Auch diese Eigenschaft äußert sich auf die verschiedenartigste Weise, von der 'Gefügigkeit' des embryonalen Gewebes über die Symbiose der Organellen in einer Zelle bis zu den verschiedenen Formen des Zusammenhalts, sei es ein Insektenstaat, sei es ein Stamm von Eingeborenen."
Dem astrologisch Geschulten wird hier auffallen, daß unter der "integrativen Tendenz" bei KOESTLER Bedeutungen zusammengefaßt werden, die in der Astrologie weiter differenziert sind und der symbolischen Bedeutung der Planeten Venus (das Prinzip "Harmonie" im Sinne der Einteilung von FRANCE) und Saturn (das Prinzip "Integration") entsprechen. Wir finden auch eine Entsprechung zum Planeten Pluto und dem Prinzip "Metamorphose", wie Thomas RING die symbolische Bedeutung dieses Planeten gekennzeichnet hat."Das regenerative Potential in Organismen und Sozialverbänden manifestiert sich in Fluktuationsprozessen, die von der höchsten Integrationsstufe auf frühere, primitivere Niveaus zurückgreifen und beim Wiederaufstieg zu neuen, modifizierten Strukturen führen. Prozesse dieser Art scheinen sowohl bei der biologischen als auch bei der geistigen Evolution eine bedeutende Rolle zu spielen; sie spiegeln sich in dem universalen Motiv von Tod und Wiedergeburt in der Mythologie." (KOESTLER 1970, 216)
Unter systemtheoretischem Gesichtspunkt wäre also zu untersuchen, in welchem Umfange eine "Isomorphie" zwischen einer systemtheoretischen Beschreibung solcher selbstorganisierender Systeme und einer astrologischen Beschreibung solcher Systeme herzustellen ist. Die Beschreibungs-Kategorien der Systemtheoretiker beruhen auf Interpretationen und haben damit die für alle Beschreibungen dieser Art eigentümliche Eigenschaft, weder willkürlich noch zwingend zu sein. Es scheint, als ob man bei der Erforschung größerer Zusammenhänge dieser mangelnden Eindeutigkeit nicht mehr ausweichen kann. Sollte sich trotzdem eine weitgehende Isomorphie nachweisen lassen, so wäre das allein schon eine erstaunliche Bestätigung der "Intelligenz" der astrologischen Einteilung der Realität, da die Systemtheoretiker von ganz anderer Seite her zu diesen Beschreibungen gelangen.
Mit der Hilfe der Systemtheorie wäre dann die Lösung eines der schwierigsten Probleme der Astrologie-Forschung denkbar: eine angemessene "Objektivierung" der Bedeutung der einzelnen astrologischen Symbole zu leisten. Ob es sich um den quantitativ-statistischen Weg handelt oder um einen Zuordnungs-Test: das Hauptproblem bei der Erforschung der Astrologie liegt darin, daß konkrete Lebensdaten, sogar konkrete Charakter-Eigenschaften, immer nur Beispiele von Entsprechungen aus einer Vielzahl denkbarer Entsprechungen eines Symbols darstellen, das Symbol aber nie vollständig erfassen. Es bleibt dann nur das Urteil auf der Basis eines ganzheitlichen Eindrucks, dem aber die erwähnten Unsicherheiten anhaften. Was uns bisher also fehlt sind Methoden, Strukturen ganzheitlich (ohne Zerlegung) "greifbar" zu machen, und zwar in einer (möglichst) objektiven Weise.
Aber auch wenn das gelingen sollte: Die Frage, warum die kosmische Situation im Moment der Geburt eines Menschen (der "Geburt" eines selbstorganisierenden Systems) eine Aussage über die strukturellen Eigenschaften dieses Systems ermöglichen sollte, ist damit noch nicht geklärt.
Sollte sich jedoch erweisen, daß wir tatsächlich enger als bisher vorstellbar auch in kosmisches Geschehen integriert sind (JANTSCH 1979), daß man vielleicht unser Sonnensystem als "Organismus" im Sinne eines selbstorganisierenden Systems auffassen kann, dann könnte sich erweisen, daß die Stellung der einzelnen Planeten als Indikatoren bestimmter Eigenschaften dieses Systems zu betrachten sind.
Eine Betrachtung unseres Sonnensystems als ein "System" von 10 großen Materie-Brocken und einer Unzahl kleinerer Materie-Brocken,deren Beziehungen untereinander im wesentlichen auf Gravitationskräfte beschränkt sind, würde für das Konzept eines Organismus allerdings keine Grundlage bieten. Tatsächlich sind die Beziehungen aber wesentlich komplexer und die wechselseitigen Einflüsse wesentlich subtiler, wie LANDSCHEIDT (1984) mit seinen Studien über die Sonnenflecken nachgewiesen hat: Nicht nur, daß die Gravitationswirkungen in ihrem Zusammenspiel zu einer komplizierten Schwingungsbewegung der Sonne um ihr Massezentrum führen; die Sonne "reagiert" darauf mit einer Veränderung ihrer in den Raum abgegebenen Energie- und Partikelstrahlung, die auf den Planeten, insbesondere auf der Erde, komplizierte metereologische Prozesse (und Veränderungen in der Biosphäre) auslösen. Der Bezug zur Astrologie wird dadurch evident, daß diese Gravitationswirkungen mit der Stellung der Planeten im Raum zusammenhängen.
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Kapitel 5.4: Astrologische Lehrbücher und die astrologische Praxis
Die sorgfältige Unterscheidung von Symbol und Entsprechung ist nicht ein Charakteristikum astrologischen Denkens schlechthin. Zum einen wurde der Kosmos-Mensch-Zusammenhang früher direkt als eine physisch-kausale Wirkung verstanden (so z. B. von PTOLOMAEUS, aber auch heute sehen einige Astrologen in den Regeln der Astrologie "Beschreibungen von Wirkungen", die nur deshalb, weil sie nicht präzise genug bekannt sind, in Form von Metaphern und Allegorien formuliert werden müssen.
Dem Bedürfnis nach möglichst einfacher Handhabung des astrologischen Wissens entgegenkommend, verwischen auch die meisten der unzähligen Hand- und Lehrbücher der Astrologie, die im Rahmen des derzeitigen "Astro-Booms" den Büchermarkt überschwemmen, diesen Unterschied. Vom psycho-hygienischen Standpunkt aus ist daran bedauerlich, daß sie damit eine fatalistische Auffassung von der Astrologie fördern: wenn die Entsprechungen die Übersetzung der astrologischen Symbole darstellen, dann müssen sie selbstverständlich zutreffen.
Obwohl die Trennung von Symbol-Bedeutung und Entsprechung als eine zwingende Folgerung aus der Tatsache erscheint, daß eine begrenzte Zahl von Deutungselementen eine prinzipiell unbegrenzte Zahl von "Lebensformen" abbilden (erfassen) muß (siehe Kapitel 2), gibt es trotzdem gegenteilige Auffassungen, denen zufolge "jeder Schritt" eines Menschen aus dem Horoskop ablesbar ist, wenn man nur die richtige Methode kennt und genau genug rechnet *113. Da es in der Astrologie, anders als in etablierten Wissenschaften, gar keinen verbindlichen Standard gibt *114, sind alle Auffassungen zur Astrologie, die publiziert werden, zunächst gleichberechtigt. Man kann es fachfremden Forschern daher auch nicht übel nehmen, wenn sie in manchen Studien derartige unhaltbare Auffassungen zum Gegenstand einer Validitätsstudie "der Astrologie" machen. Weniger verständlich ist es, wenn Fachleute dasselbe tun (siehe dazu im folgenden Kapitel unter 6.3).
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Literaturverzeichnis
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Anmerkungen 1 - 49
1. Zitiert nach PSYCHOLOGIE HEUTE, 6/80, Seite 5.
2. Man sollte besser sagen: Anerkennung durch Autoritäten bzw. geistig führende Persönlichkeiten. Die "wissenschaftliche" Anerkennung ist erst in der Neuzeit ein Siegel der Qualität.
3. Unter anderem führt er aus, daß Leute, die am gleichen Ort und zur gleichen Zeit geboren wurden (insbesondere Zwillinge),obwohl sie oft das gleiche Horoskop haben, doch oft ganz verschiedene Schicksale haben. Umgekehrt aber haben Leute mit gleichem Schicksal - z. B. Tod in der Schlacht oder Massenkatastrophen - doch nicht das gleiche Horoskop. Und schließlich könnten Astrologen aus dem Horoskop nicht ersehen, ob es für einen Königssohn oder einen Lastesel gelte. (a. a. O., S. 77)
4. "Wie tief der fatalistische Sternenaberglaube Volk und Gesellschaft in Rom erfaßt hat, schildern zeitgenössische und spätere Satiriker." a. a. O., S. 89
5. Die Haltung der Kirchen ist übrigens auch in der heutigen Zeit keineswegs einheitlich. Auf der einen Seite stehen entschiedene Gegner, wie der Pfarrer Friedrich-Wilhelm HAACK (HAACK 1977), Beauftragter für Sektenfragen der Evangelischen Kirche, auf der anderen Seite vorsichtige Befürworter, so z. B. Pater Dr. G. VOSS (1980), Geschäftsführer des Ökumenischen Instituts der Benediktinerabtei Niederaltaich und Schriftleiter der Zeitschrift "Una sancta". Ausgewogene Stellungnahmen zur Astrologie finden sich sogar unter den Schriften der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, so etwa bei SCHILLING (1976), KÖBERLE (1982) oder BOEHRINGER (1986).
6. Seine Haltung hat Ähnlichkeit mit der Haltung der Babylonier: Sie versuchten auch, den Plan oder die Botschaft der Götter durch sorgfältige Beobachtung der Natur - bzw eines Teils davon, nämlich der Himmelsbewegungen - zu erkennen.
7. So z. B. durch Prof. Heinz HABER, Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "Bild der Wissenschaft", der in mehreren Artikeln gegen die Astrologie Stellung nimmt. In einem Rededuell mit dem Verf. bezeichnete er zudem die Astrologie als "umweltbiologischenSchwachsinn". (Was immer das sein mag.): Sendung "Ansichtssachen" vom 24.4.1985, WDR II.
8. Mit den Namen aller 186 Unterzeichner auch abgedruckt in GRIM 1982, 14ff
9. Zur Frage der Gültigkeit der Astrologie melden sich immer Astronomen zu Wort. Doch die Frage, ob Astrologie möglich ist oder nicht, ist eine erkenntnistheoretische und keine naturwissenschaftliche Frage (siehe auch Zitat von WEIZSÄCKER in Anm. 79). Naturwissenschaftler haben zu dieser Frage nichts Wesentliches beizutragen, am wenigsten die Astronomen: Wenn ich die "Wirkung" eines Buches auf Menschen (Leser) untersuchen will, dann hilft mir die chemische Analyse von Papier und Druckerschwärze dabei wenig weiter.
10. DEAN, M., 1980, 24ff und SEELMANN-HOLZMANN 1986, 113ff
11. Ich habe dazu von einem Adreß-Verlag 500 Adressen ärztlicher Psychotherapeuten gekauft. Ich bat die Therapeuten um die schriftliche Einwilligung, beim Standesamt ihre Geburtszeit zu erfragen. Gleichzeitig erfaßte ich mit einem kleinen Fragebogen ihre Haltung zur Astrologie. Von diesen 500 ärztlichen Psychotherapeuten antworteten mir nur 100 (also 20 %). Von diesen 100 Therapeuten gaben 50 an (d.h. 10 % der Gesamtstichprobe!), die Astrologie in ihrer Arbeit regelmäßig zu verwenden. Da es sich um eine zufällige Stichprobe handelt - zumindest bezüglich der Haltung zur Astrologie - ist der Schluß auf die Gesamtheit der ärztlichen Psychotherapeuten erlaubt. Siehe auch SCHMID, H./SCHMID, R.: Tiefenpsychologie und Astrologie, in: SCHMID (1983), S. 195-219, sowie den Aufsatz "Psychoanalyse und Astrologie" in RIEMANN (1976), S. 43-54.
12. Ich kenne persönlich mehrere Ordinarien, die an der Astrologie sehr wohl interessiert sind und sie ernst nehmen, die mir aber unumwunden zugeben, dieses Interesse mit Rücksicht auf ihren Ruf als Wissenschaftler niemals öffentlich zugeben zukönnen. Ähnliches berichtet EYSENCK (siehe Anm. 16).
13. Die von Astrologen immer wieder aufgestellte Behauptung,nur Nicht-Kenner der Astrologie unter den Wissenschaftlern würden sie ablehnen, entbehrt natürlich ebenso jeder Grundlage: So sind EYSENCK und GAUQUELIN (siehe Kap. 5 und 6) zwei Wissenschaftler, die zumindest die traditionelle Astrologie nach gründlicher Prüfung ablehnen. Anderen Wissenschaftlern, die in den "Sümpfen" der Vulgär-Astrologie die Orientierung verloren haben, obwohl sie Astrologie ernsthaft prüfen wollten, kann man nicht übel nehmen, daß sie angesichts offensichtlichen Unsinns, den es in der astrologischen Literatur zu hauf zu finden gibt, angewidert aufgeben (E.W. JAMES: On Dismissing Astrology and Other Irrationalities, in GRIM, 1982, 24-33).Nicht zuletzt sind es immer wieder Astrologen selbst, die zumindest Teile der Astrologie, mit denen sie keinen Erfolg hatten, als unvalide ablehnen (und ggf. eine neue Schule gründen). Siehe auch NIEHENKE 1983.
14. Eine typische Erfahrung dieser Art machte ein Arzt, der als Studiogast zu einer Sendereihe des NDR II geladen worden war. Die Sendereihe mit dem Titel "Den Sternen in die Karten geschaut" wurde in den Jahren 1984/85 samstags abends ausgestrahlt. Gäste waren u.a. Prof. Heinz Haber, Erich von Däniken, Hermann Prey und andere Prominente, dazu jeweils ein Astrologe. Die meisten der Gäste waren eher Gegner der Astrologie, so auch dieser Arzt. Nachdem der Astrologe ihm einige Einzelheiten aus seinem Horoskop erklärt hatte, schien sich jedoch etwas zu ändern, was sich in der Äußerung spiegelte: "... beginne, die Sache interessant zu finden." Ähnlich ging es dem Sänger Hermann Prey und dem Manager Werner Schönicke, denen ich selbst als Teilnehmer dieser Sendereihe das Horoskop deutete: Obwohl beide anfänglich der Astrologie sehr skeptisch gegenüberstanden, fand in der Sendung ein Einstellungswandel statt, nachdem ich Einzelheiten ihrer Horoskope gedeutet hatte. Weitere Beispiele siehe SEELMANN-HOLZMANN 1986, S. 151ff.
15. Dabei schrecken sie auch vor rüden persönlich-diffamierenden Angriffen gegen reputierte Wissenschaftler nicht zurück. So versuchte z. B. Prof. Hoimar v. DITFURTH den als Methoden-Kritiker in Psychologenkreisen sehr wohl bekannten Prof. Hans Jürgen EYSENCK in einer Fernsehsendung zum Thema Astrologie als einen Außenseiter darzustellen, dessen Forschungen man nicht ernst nehmen könne. EYSENCK hatte es gewagt, eine Untersuchung zu publizieren, die astrologische Thesen zu belegen schien. (Sendung QUERSCHNITT, ZDF, 14. 11. 1977) Der Leiter der Paderborner Sternwarte,Reinhard WIECHOSCZEK,attestiert EYSENCK gar, seinen "wissenschaftlichen Offenbarungseid" geleistet zu haben (S. 189). Astrologen setzt er gleich mit Rauschgifthändlern (S. 9). "Die astrologische Praxis (..) verfährt dreistufig: dumm, unmoralisch, kriminell. Nur die erste Stufe ist entschuldbar." (1984, 181)
16. "Dies ist die Atmosphäre der Inquisition, nicht der unvoreingenommenen, faktenorientierten Forschung; viele Angehörige des wissenschaftlichen Establishment hätten gut in das Gremium gepaßt, das Galilei zum Widerruf zwang. Wir haben diese Atmosphäre der Zensur und der Intoleranz zu spüren bekommen, sowohl aus Berichten von Menschen, die unmittelbar betroffen waren, wie aus Bemerkungen, die uns darauf aufmerksam machten, wir würden unser wissenschaftlichen Ansehen und unseren Ruf ruinieren, wenn wir die Astrologie auch nur eingehend kritisierten und Vertrautheit mit ihren Aussagen erkennen ließen." (EYSENCK/NIAS 1982, 306)
17. Er verweist z. B. darauf, daß Menschen, die an Astrologie glauben, beliebige Deutungen als auf sie zutreffend anzuerkennen bereit sind (Siehe dazu Kap. 4.4)
18. Eine beliebte "Ausrede" besteht z. B. darin, zu bemängeln, die Geburtszeiten seien nicht "korrigiert" worden: Häufig wurden früher Geburtszeiten bei den Standesämtern nur gerundet notiert (ggf. nur stundengenau); solche Zeiten werden daher von manchen Astrologen anhand von Lebensdaten "korrigiert". Abgesehen von der Fragwürdigkeit von Geburtszeit-Korrekturmethoden (siehe das Experiment von BAPTIST VAN HELMONT auf der nächsten Seite) sehen diese Kollegen nicht, daß die meisten Untersuchungsergebnisse gegenüber Änderungen der Geburtszeit von wenigen Minuten unempfindlich sind.
19. Hatte allerdings auch erhebliche "methodische Mängel".
20. Aus der ganzen Welt wurden über 60 Arbeiten eingereicht, darunter allein 17 aus Deutschland. Unvorhersehbare Umstände führten dazu, daß der Hauptpreis nicht vergeben werden konnte. Statt dessen wurden 6 Eingänge mit einem "Anerkennungspreis" von 200 Dollar für "hervorragendes Design" oder einfach harte Arbeit ausgezeichnet. Ein neuer Preis läuft gerade. Dean, G. and Mather, A.: Superprize Winners Part I - and a new prize to challenge the critics. THE ASTROLOGICAL JOURNAL, Winter 1985.
21. Organismen sind komplexe Systeme mit charakteristischen Besonderheiten, wozu z. B. die "Selbstorganisation" gehört. Auch im anorganischen Bereich gibt es Systeme mit diesen "quasi-lebendigen" Eigenschaften (JANTSCH 1979). JANTSCH zeigt, daß diese formalen Eigenschaften auch bei komplexen Systemen verschiedenster anderer Art nachweisbar sind, z. B. bei Systemen von Zusammenschlüssen von Menschen (Nationen) oder vielleicht auch großen Wirtschaftsunternehmen (siehe GRILL, 1982). Ich will solche Systeme "Quasi-Organismen" nennen. Es wäre dann denkbar, diesen Zusammenhang nicht nur für Organismen sondern auch für "Quasi-Organismen" zu postulieren. (Siehe auch Kapitel 4.3)
22. Im Falle von Jahreszeiten und Gezeiten ist eine solche Sensibilität augenfällig vorhanden.
23. Besser sollte man sagen: Eines Organismus (denn auch- oder vielleicht sogar:insbesondere - für andere Lebewesen gilt dieses Eingebettet-Sein in kosmische Rhythmen). Noch allgemeiner kann man es vielleicht auch auf "Quasi-Organismen" ausdehnen (siehe Anm. 1).
24. Unüberlegte Kritiker werfen den Astrologen deshalb zuweilen vor, sie hingen dem längst überholten geozentrischen Weltbild an. Sie verwechseln naiverweise die Wahl eines Koordinaten-Systems mit der Wahl eines Weltbildes.
25. Da die Erde in Ihrer Revolution um die Sonne keine konstante Geschwindigkeit hat, wären diese Raumabschnitte unterschiedlich groß: Wenn die Erde schnell ist, durchläuft sie in der gleichen Zeit einen größeren Raumabschnitt (von der Erde aus betrachtet, sieht es also so aus, als durchliefe die Sonne entsprechend einen größeren Raumabschnitt). Die Astrologen haben sich entschieden, nicht die Zeit (das Jahr) in 12 gleich große Teile zu teilen, sondern den Weg der Sonne am Himmel (die "Ekliptik"). Auf diese Weise erhalten wir dann die 12 Abschnitte der Sonnenbahn, die man Tierkreiszeichen nennt, die alle genau 30 Grad groß sind.
26. "Zu diesen 'Archetypen des kollektiven Unbewußten', die der Menschheit eigen sind und von Geschlecht zu Geschlecht vererbt werden, gehören nach JUNG auch die seltsamen Gestalten des Tierkreises. Sie sind, urtümlich betrachtet, nichts anderes als Antworten der Seele auf jahreszeitliche Erlebnisse und eigenartige Stimmungen, hervorgerufen durch die wechselnden Wärme- und Lichtenergien von der Sonne. Sie haften und hafteten stets auf den Abschnitten der Sonnenbahn, doch wurden sie natürlich auf die hinter diesen (unsichtbaren) Abschnitten stehenden Sternbilder projiziert." (KNAPPICH, 1967, 6)
27. Die Jahreszeiten, die die Grundlage des tropischen Tier kreises darstellen, sind abhängig davon, in welchem Winkel die Erdachse zur Ekliptik steht. Der Grad ihrer Schräge verändert sich im Laufe von Jahrtausenden durch eine kleine kreiselartige Bewegung (die sog. Präzession); dadurch verschiebt sich auch der Zeitpunkt, an dem Tag und Nacht gleich lang sind (Frühlings- und Herbstbeginn), und damit auch der Raumabschnitt, an dem die Sonne zu diesem Zeitpunkt steht. (Näheres siehe BECKER 1981)
28. Wir sprechen vom "Wassermann-Zeitalter", weil der Frühlingspunkt sich jetzt etwa für 2000 Jahre im Sternbild Wassermann befinden wird. Der Beginn des Fische-Zeitalters datiert etwa auf die Zeit von Christi Geburt. Der Fisch ist ein wichtiges christliches Symbol. Die christliche Lehre mit dem Gebot der Nächstenliebe könnte man geradezu als eine "Fische-Religion" bezeichnen. Näheres zu den Parallelen zwischen der Symbolik der christlichen Lehre und dem Fischezeitalter bei JUNG 1951.
29. Der Horizont ist sowohl abhängig vom Ort, an dem man steht, als auch von der Zeit; denn mit der Drehung der Erde dreht sich zwangsläufig auch die Horizontebene des Ortes, an dem ich mich befinde. Berührt die Horizontebene in ihrer Drehbewegung die Sonne, dann haben wir für den zu diesem Horizont gehörenden Ort "Sonnenaufgang".
30. Über die richtige Methode der Einteilung gibt es unter Astrologen einen seit Jahrhunderten währenden Streit, bekannt unter dem Stichwort: das Häuserproblem.
31. Unterzeichnet von: Deutscher Astrologen-Verband e.V., Kosmobiologische Akademie Aalen e.V., Astrologische Studiengesellschaft (Hamburger Schule) e.V. und Kosmobiosophische Gesellschaft e.V. (MERIDIAN, 6, 1983, S. 3.) Anläßlich des 2. Weltkongresses für Astrologie in der Schweiz zu Ostern 1984 unterzeichnete dann auch der Schweizer Astrologenbund (SAB). (ASTROLOG, 20,1984, S. 6/7)
32. So verwendet z. B. die als "Hamburger Schule" bekannte Richtung 8 hypothetische (d.h. nicht existierende bzw. noch nicht entdeckte) Planeten neben den 10 bekannten Gestirnen unseres Sonnensystems: Sonne, Mond und 8 Planeten. Die Existenz dieser zusätzlichen Planeten wird nicht aus astronomischen Gegebenheiten gefolgert, sondern aus a priori angenommenen Ordnungsprinzipien beim Aufbau unseres Sonnensystems (WITTE, 1959): Wie bekannt, wurden die Planeten Neptun und, mit Einschränkungen, auch Pluto durch Unregelmäßigkeiten in der Bahn der bekannten Planeten vorhergesagt und dann auch entdeckt: Im 18. Jhd. war durch einen Zufall schon Uranus entdeckt worden, im 19. Jhd. dann nach gezieltem Suchen Neptun, und im 20. Jhd., nachdem durch Berechnungen der ungefähre Ort ermittelt worden war, schließlich Pluto. Nach Entdeckung des Pluto (im Jahre 1930) und der Unwahrscheinlichkeit, daß innerhalb der Bahnen der bekannten Planeten wirklich noch neue Planeten entdeckt werden können, werden die hypothetischen Planeten in zunehmendem Maße als "Kraft zentren" oder "Wirkzentren" interpretiert. Auch diese "Kraftzentren" sollen sich aber, ähnlich den Planeten, in elliptischen Bahnen um die Sonne bewegen. Es existieren dafür auch Ephemeriden (Gestirnstandstabellen) wie für die bekannten Himmelskörper.
33. So wird das Horoskop zuweilen auch genannt.
34. Nach "vulgär-astrologischen" Regeln müßte diese Kombination: die Sonne im 'materiellen' Zeichen Stier, dazu noch im 2. Feld, dem Felde der 'materiellen Sicherheit', auf eine besonders materielle Gesinnung schließen lassen.
35. Von griech. symballein = zusammenwerfen, zusammenwürfeln
36. ... mit Ausnahme einer freiwilligen Kontrolle, wie sie der Deutsche Astrologen-Verband in Form einer Prüfungs- und Berufsordnung verabschiedet hat.
37. EYSENCK/NIAS (1982), S. 230
38. Der erste Erkenntnistheoretiker in der von uns überschaubaren Geschichte war SOKRATES (470 v. Chr.). "Das sokratische Fragen ist ein Hinterfragen, also nicht ein Fragen nach Sachen, sondern nach Bedingungen der Möglichkeit des Wissens von Sachen." (ROMBACH 1974a, 51). In den folgenden Jahrtausenden hat es immer wieder die verschiedensten Versuchegegeben, das gesicherte Vorgehen künftiger Wissenschaften zu formulieren.Immer wieder haben Philosophen den Eindruck gehabt, daß man ganz von vorn beginnen müsse, daß das bisherige von Grund auf falsch sei, so DESCARTES (1596-1650) oder KANT (1724-1804) (HIRSCHBERGER 1969), um nur zwei der vielen Namen zu nennen. DESCARTES hatte von seinen Vorgängern z. B. keine sehr gute Meinung: "Man kann sich nichts so Seltsames oder Unglaubliches denken, was nicht von einem Philosophen bereits behauptet worden wäre." (HIRSCHBERGER 1969, 92)
39. "Ich denke, also bin ich" ist eine so sichere Wahrheit, daß "selbst die überspanntesten Annahmen der Skeptiker nicht imstande wären, sie zu erschüttern." (DESCARTES 1637)
40. "Was für eine Philosophie man wähle, hängt ... davon ab, was für ein Mensch man ist .." (zitiert nach HIRSCHBERGER 1969, 365).
41. "Die Logik gilt als schlechthin allgemein und als schlechthin gewiß; allenfalls neigt man dazu, sie eben darum für trivial zu halten. Wir glauben eher, daß sie nicht trivial ist, daß ihre Gewißheit der Prüfung bedarf .... Die deduktive Geometrie Euklids stellt unbewiesene Axiome an die Spitze; ARISTOTELES hat die Unvermeidlichkeit eines solchen Ausgangspunkts ausgesprochen. Sind diese Axiome gewiß? Schon PLATON sagt, daß die Mathematiker ihre eigenen Voraussetzungen nicht durchschauen, sondern ohne Begründung annehmen, und bestreitet eben darum der Mathematik den höchsten wissenschaftlichen Rang. GAUSS hat wohl als erster den Glauben an die Gewißheit eines der euklidischen Axiome ausdrücklich aufgegeben und untersucht, wozu die Annahme seiner Falschheit führt." (WEIZSÄCKER 1971, 96 f)
Die Auffassung von der Relativität der Regeln der Logik blieb natürlich nicht unwidersprochen (HÜBNER 1978, 168 ff). Für uns ist in diesem Zusammenhang nur wichtig, daß es Fachleute gibt, die diesen Standpunkt vertreten. Der Streit als solches zeigt ja schon, daß ein Grundsatz fraglich (geworden) ist!
42. So wird Astrologie von vielen schon deshalb abgelehnt, weil man sich nicht vorstellen kann, wie so weit entfernte Planeten auf ein neugeborenes Kind "wirken" sollen. Man kann sich in unserer Kultur Zusammenhänge zwischen Ereignissen nicht anders als durch "physikalische Wirkung", durch Einwirkung in Form von Kräften (mechanische Kräfte, Strahlen, Felder usw.) vorstellen. Angehörige einer anderen Kultur, für die das "Axiom" der Magie gültig ist (s.u.), daß alles mit allem verbunden ist und alles auf alles wirkt, haben diese Vorstellungsschwierigkeiten nicht. Auch Astrologen verfallen unreflektiert diesen kulturell bedingten "Selbstverständlichkeiten" und können sich dann auch Astrologie nur als (noch zu entwickelnde) Naturwissenschaft vorstellen (siehe Kap. 5).
43. "Im Bereich der inhaltlichen Erkenntnis hat sich die Suche nach einer Wahrheitsgarantie als Irrweg erwiesen. Die Aussagen der Realwissenschaften haben den Charakter von Hypothesen, die sich bei intersubjektiver Prüfung mehr oder weniger bewähren, aber nicht als wahr erwiesen werden können." (ALBERT 1962)
44. "... glaubt man im Grunde doch an das Wahrheitsprivileg der Wissenschaft - ohne zu merken, daß man daran 'glaubt' und auf die Frage nach einem Beweis nur entweder mit Berufung auf Evidenz dieser Tatsache oder auf die Effizienz der Wissenschaft antworten kann, Antworten, die natürlich wertlos sind, weil auch die alte Metaphysik Evidenz hatte und weil die Religion im Zeitalter des 'Glaubens' eine hohe menschliche Effizienz besaß, an der gemessen die technische Effizienz der Naturwissenschaften eher geringer als größer ist." (ROMBACH1974a, 116)
45. "Es ist charakteristisch für die Physik, so wie sie in der Neuzeit betrieben wird, daß sie nicht wirklich fragt, was Materie ist, für die Biologie, daß sie nicht wirklich fragt, was Leben ist, und für die Psychologie, daß sie nicht wirklich fragt, was Seele ist, sondern daß mit diesen Worten jeweils nur vage ein Bereich umschrieben wird, in dem man zu forschen beabsichtigt." (WEIZSÄCKER 1971, 287)
46. Wahr im Sinne des "Pragmatischen Wahrheitskriteriums" sind Ideen bzw. Aussagen dann, "wenn man mit den in ihnen enthaltenen Handlungsplänen Erfolg hat" (GROEBEN/WESTMEYER 1975, 144).
47. Als Psychologie-Student habe ich in ersten Semester gelernt, daß jeder Begriff operationalisierbar sei. In einem trivialen Sinn ist das richtig (und wird so oft auch verstanden): "Intelligenz liegt vor, wenn 3 Studenten einen Probanden unabhängig voneinander als intelligent einstufen". Doch wird damit das Problem völlig umgangen. Ich hätte es mit meiner Untersuchung sonst wirklich leicht: "Eine Horoskopdeutung ist richtig, wenn ein Gremium von 3 Astrologen mit mindestens 10jähriger Berufstätigkeit einstimmig zu diesem Urteil kommt".
48. Zitiert nach: WITTMANN, J.: Spezielle Relativitätstheorie, München: Bayerischer Schulbuchverlag, 1977, S. 1
49. Auf spannende und unterhaltsame Weise wird uns die "Denkweise" eines indianischen Zauberers in den Büchern des Ethnologen Carlos CASTANEDA (1972) vorgeführt.
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Anmerkungen 50 - 89
50. Eine Aussage ist entweder wahr oder falsch, eine dritte Möglichkeit gibt es nicht.
51. "...während der Revolutionen sehen die Wissenschaftler neue und andere Dinge, auch wenn sie mit bekannten Apparaten sich in Räumen umsehen, die sie vorher schon einmal untersucht hatten. Es ist fast, als wäre die gelehrte Gemeinschaft plötzlich auf einen anderen Planeten versetzt worden, wo vertraute Gegenstände in einem neuen Licht erscheinen und auch Unbekannte sich hinzugesellen." (KUHN 1979, 151)
52. Die philosophischen Schriften von G.W. Leibniz, I-VII. Ed. C.I. Gerhardt, Berlin 1875-1890, III, S. 519 (Brief vom 10.2.1711 an N. Hartsoecker). Zitiert nach MITTELSTRAß, 1974.
53. Dieses Argument finden wir auch bei GROEBEN/WESTMEYER (1975, 36).
54. "Der Gedanke, die Wissenschaft könne und solle nach festen und allgemeinen Regeln betrieben werden, ist sowohl wirklichkeitsfremd als auch schädlich." (FEYERABEND 1979, 392)
55. "Der diesem Anspruch (der Idee der Forschung, Anm. d. Verf.) gerecht werdende Mensch, muß bereit sein, alles zu vergessen, was man ihm schulmäßig beigebracht hat, er muß den Mut haben, gegen alles zu denken, was die Menschheit bisher für recht und gültig hielt. ... der natürliche Mensch, der unabhängig von allen 'Autoritäten' seiner eigenen eingeborenen Vernunft folgt. Diese Gestalt heißt seit CUSANUS der Laie (idiota) und ist dem Metaphysiker einerseits (der alles Fragen vom Ganzen her scheinbar beantworten kann) und dem Fachmann andererseits (der sich auf scheinbar unerschütterliche Erfahrung beruft) UM EIN UNENDLICHES ÜBERLEGEN (Hervorhebung d. Verf.)" ROMBACH 1974b, S. 18
56. "Viele Begründer der Wissenschaft meinen, sie unterscheide sich gerade darin von der Religion, daß sie Glauben durch Vernunft ersetzt. Eben diese Meinung ist nach meiner Ansicht eine Äußerung ihres Glaubens" (WEIZSÄCKER 1964) "Aus der Tatsache, daß das Wissen nicht absolut ist, ... weiß es, daß es immer nur in bestimmten Grundtypen und globalen Ansätzen von je eigener Profilation möglich ist. Dieses Grundwissen führt dazu, keinen dieser Ansätze zu verabsolutieren ... Es gibt nicht e i n e n richtigen Ansatz, und sonst lauter falsche, sondern nur das richtige Gespräch aller Ansätze miteinander" (ROMBACH 1974a, 160)
57. "Wo ein 'interdisziplinäres Gespräch' möglich ist, bedarf es der sorgsamen Berücksichtigung dessen, daß keine Seite die andere bevormunden oder in eine erkenntnistheoretische Sekundarietät zurückstoßen darf." Dazu dann als Anmerkung: "Diese scheinbar selbstverständliche Forderung ist nicht so leicht zu erfüllen, bedeutet sie doch beispielsweise, daß der Psychologe Mythologien als ernst zu nehmende Interpretation psychischer Tatbestände akzeptieren muß (von ihnen wirklich etwas "lernt", wenn auch erst nach strukturaler Übersetzung) ..." (ROMBACH 1974a, 24) Wie schwer diese Forderung zu erfüllen ist, beweist ROMBACH selbst, wenn er an einer anderen Stelle schreibt: "Solange 'Verursachung' noch animistisch vorgestellt wird, haben die Naturwissenschaften (die es dann natürlich nur in Vorformen geben kann) noch DIE SKURRILEN FORMEN DER ALCHEMIE, ASTROLOGIE (Hervorhebung d. Verf.) usw." (1974b, 40).
58. "Das tiefste und erhabenste Gefühl, dessen wir fähig sind, ist das Erlebnis des Mystischen. In ihm allein keimt wahre Wissenschaft." (BARNETT 1962, 133)
59. "Die Anerkennung einer meditativen oder mystischen Erfahrung der Einheit ist nicht ein Ausweichen aus der Rationalität, sondern, wenn wir richtig argumentiert haben, eine Konsequenz des Verständnisses des Wesens der Rationalität." (WEIZSÄCKER, 1971, 480)
60. MOTTE-HABER 1985, 155
61. "Die Gegenüberstellung von Einstein und Bohr machte in großer Klarheit deutlich, daß Tatsachen nicht für beide das Gleiche bedeuten und nicht in gleicher Weise gegeben sein können. Folgerichtig weist EINSTEIN die Quantenmechanik als unvollständig zurück, weil sie manches, was in seinen Augen eine Tatsache ist, nicht erfaßt, während Bohr leugnet, daß es sich dabei überhaupt um Tatsachen handelt." (HÜBNER 1978, 198).
62. "Es gibt Forscher, die die Neigung besitzen, die eigentlich psychologischen Erkenntnisquellen für die Wissenschaft zu leugnen, die nur das sinnlich Wahrnehmbare als solches, nicht das durch das Sinnliche hindurch Verstandene als 'objektiv' gelten lassen wollen. Dagegen ist nichts einzuwenden, insofern man nicht mehr einen Beweis für die Berechtigung einer letzten Erkenntnisquelle bringen kann. Aber man kann unter allen Umständen Konsequenz fordern. Diese Forscher müssen, um widerspruchslos zu bleiben, aufhören, von Seelischem überhaupt zu reden, an Seelisches als Wissenschaftler überhaupt zu denken, sie müssen aufhören, Psychopathologie zu treiben, sich vielmehr auf Hirnprozesse und körperliche Vorgänge bei ihrem Studium beschränken. Sie müssen konsequenterweise aufhören, als Sachverständige vor Gericht aufzutreten, denn sie wissen ihrer eigenen Ansicht nach von dem, wonach sie gefragt werden, wissenschaftlich nichts .... Solche Konsequenz könnte Achtung erzwingen und wäre eines Forschers würdig; das hartnäckige Bestreiten und Zweifeln durch allgemeine Einwände wie z. B.: das alles sei bloß subjektiv u. dgl., ist unfruchtbarer Nihilismus solcher Forscher, die sich auf diese Weise einreden mögen, ihre Unfähigkeit liege nicht in ihnen, sondern in der Sache. " (JASPERS 1948, 24 - Erstauflage im Jahre 1913)
63. "Some scientists say that such limited operational meanings are the only meanings that 'mean' anything, that all other definitions are metaphysical nonsense. They say that discussions of anxiety are metaphysical nonsense, unless adequate operational definitions are available and are used." (KERLINGER 1973, 32)
64. Auch in den Naturwissenschaften muß man den Schülern erklären, wie sie z. B. erkennen, daß in einer Leitung "Strom fließt".
65. Nicht nur im Bereich der Astrologie wird die Angemessenheit statistischer Methoden für die Untersuchung von Fragestellungen, bei denen der Mensch, die menschliche Psyche mit ihrer ganzen Komplexität ins Spiel kommt, in Frage gestellt. So wird der Festredner H.J. EYSENCK in der Stellungnahme eines Therapeuten zu seinem Eröffnungsvortrag auf dem 13. BDP-Kongreß für Angewandte Psychologie in Bonn (1985) wegen seiner Forderung nach einem experimentellen Zugang herb kritisiert: "H.J. Eysenck hat - zum wievielten Male eigentlich schon? - die Psychologen vor der 'Falle der Philosophie' gewarnt und wieder einmal den Alleinherrschaftsanspruch seiner an Statistik so reichen, an psychologischen Erkenntnissen jedoch armen 'empirischen' Psychologie geltend gemacht. ..." (MANNHEIM-ROUZEAUD 1986) Siehe auch die Meinung von Erich FROMM (Anm. 71)
66. "Ich hatte dann mal einen Mitarbeiten, der .... wollte das statistisch prüfen. ... Und dann habe ich ihm gesagt: 'Gut, ich kann Ihnen Gelegenheit verschaffen, daß Sie einmal eine statistische Prüfung horoskopischer Dinge mitmachen. Ich sage Ihnen aber vorher: Sie werden nichts rauskriegen.' ... Dann kam er zurück und war von seiner Astrologie völlig geheilt. Er sagte: 'Statistisch ist überhaupt nichts herausgekommen. Die ganzen statistischen Korrelationen, die die Astrologen herausgefunden haben, kommen von schlecht ausgewerteter Statistik.' Ich sagte ihm: 'Das habe ich Ihnen ja vorher gesagt. Ich glaube nach wie vor, daß etwas dran ist und daß man es so nicht herausbekommen kann.' Das ist mein Urteil über die Sache." (WEIZSÄCKER 1976)
67. Dabei wird meist der Widerspruch nicht gesehen, der darin liegt, daß diese meist als antiquiert bezeichnete Methode doch über Jahrhunderte hinweg von Astrologen mit großer Überzeugung angewendet wurde, und, vor allem, heute noch von Kollegen mit ebensolcher Überzeugung angewendet wird. Solche Gegenargumente reichen i.d.R. gerade so lange, bis die eigene Methode des Kritisierenden selbst überprüft wird.
68. Wenn kritisiert wird, daß man erst bei der Kombination mehrerer Elemente ein Resultat erwarten könne, dann wird nicht gesehen, daß die Addition von lauter "unwirksamen" Einzelelementen schwerlich zu einem "wirksamen" Gesamtresultat zusammengesetzt werden kann: Eine Addition von Nullen ergibt Null. Möglich ist natürlich, daß nur die Interaktion von verschiedenen Einzelelementen wirkt: Dies widerspricht jedoch eigentlich den Aussagen in den Lehrbüchern, in denen ja Aussagen für Einzelelemente gemacht werden (siehe Kapitel 5.4 und in Kapitel 7.2: Das Meßproblem).
69. ALEXANDER (1983) hebt z. B. die Bedeutung der verschiedenen Paradigmen hervor, "within which the various approaches to astrology exist." Ein Paradigma ist, vereinfacht gesagt "the set of assumptions about the world that, in any activity, we automatically take as given." Seiner Auffassung nach hat Astrologie primär etwas mit Archetypen oder mit Qualitäten zu tun "and the quantitative approach fails to distinguish between these and specific things. The tendency in ordinary life is not to make the distinction and to talk about qualities as though they were things." Wir sollten, so meint er, Astrologie nicht an das bestehende Paradigma anpassen, sondern ein neues Paradigma erfinden, innerhalb dessen diejenigen Dinge besser zu handhaben sind, die nicht quantifizierbar sind. - Eine identische Argumentation findet sich übrigens auch im Bereich parapsychologischer Grundlagen-Diskussionen (EDGE 1974, 102).
DEAN (1983c) beharrt in seinem Antwortbrief darauf, daß die Frage unbeantwortet ist, ob Astrologie nun funktioniert oder nicht, und fragt: "1. How do they know that astrology works? 2. How do they know that astrological correspondences between chart and person are real and beyond non-astrological expla- nation? 3. Why should we accept their beliefs about astrology rather than contrary beliefs? 4. What sort of evidence should prove that their beliefs were wrong? 5. Since they don't agree with current research, what sort of research should be done instead? 6. Since Alexander disagrees that the only way to do research is by quantification and statistical analysis, what then are the other ways?"
Auffällig ist, daß DEAN in Frage 6 implizit behauptet, daß der einzige Weg, Forschung zu treiben, in Quantifikation und statistischer Analyse bestehe. Diesen Punkt bestreitet ja v. WEIZSÄCKER (s. Anm. 66).
ALEXANDERs Antwort überrascht: "I suggest an analogy with poetry, that astrology is more like a language than like a science, that interpreting a chart is more like writing a poem than it is like doing an experiment, and that the 'meanings' of chart factors are more like metaphors or similes than like testable claims....After all, some poetry works and some doesn't. It is a function of literary criticism to distinguish between the two. Is it possible to contemplate a form of astrological research that embodies some of the approach of literary criticism and some of the approach of science?" (ALEXANDER 1983a)
DEANs Antwort: "Alexander concludes that astrology is not scientifically valid and is more like poetry. In other words he is saying that although Virgoans are really no more Virgoan than non-Virgoans, Virgoan is still a useful (and evocative) synonym for fussy....This reduces astrology to a literary device based on a set of appealing synonyms - in other words to verbal chewing gum, in which case there is not much point in using the right chart." (DEAN 1984)
70. An dieser Stelle zeigt sich, wie heterogen die Gruppe der Astrologen ist, denn es gibt eine nicht unbeträchtliche Gruppe von Astrologen, die auf die gerade gestellte Frage eindeutig mit "Ja" antworten würden. Ihrer Meinung nach ist Astrologie "Offenbarungs-Wissen", das genausowenig einer Prüfung bedarf wie das Evangelium. Gegen diese Haltung ist, wenn sie unmißverständlich deutlich gemacht wird, nichts einzuwenden. Ich würde mir nur wünschen, daß die Art, wie Astrologie dann betrieben wird, auch im Einklang mit dieser Grundhaltung steht, daß z. B. die gleiche Toleranz möglich ist, wie sie sich im Verhältnis der großen Weltreligionen zueinander heute weitgehend eingebürgert hat.
71. Weiter schreibt FROMM: " .... besteht doch ein deutlicher Unterschied zwischen der Beobachtung eines Menschen in seiner Totalität und Lebendigkeit und der Beobachtung gewisser Aspekte seiner Persönlichkeit, die man von der Gesamtpersönlichkeit abgetrennt hat und nun ohne Beziehung auf das Ganze untersucht. Man kann dies nicht tun, ohne die isoliert untersuchten Aspekte zu entstellen, weil sie mit jedem anderen Teil des Systems Mensch in einer ständigen Interaktion stehen und außerhalb des Ganzen nicht zu verstehen sind. ... Man kann diesen oder jenen Aspekt untersuchen, aber alle Ergebnisse, die man auf diese Weise erreicht, sind notwendigerweise falsch." (1979, 23 ff)
72. Die Entwicklung der Wissenschaften vollzog sich, wie die Entwicklung unseres Wissens überhaupt, in der Form der "Ausdifferenzierung": Im zunächst Einheitlichen werden unterschiedliche Bestandteile erkannt, für die dann jeweils unterschiedliche Gesetze oder Regeln gelten. So differenziert ARISTOTELES die einheitliche Vorstellung des Seins, welches "in sich ruht" und dadurch das Werden zu einem Problem macht, in die zwei "Aspekte" Substanz und Akzidenz. (HIRSCHBERGER1965, 188). KANT differenziert die zunächst einheitliche Erfahrung von Dingen in eine Erfahrung "a priori" und eine Erfahrung "a posteriori", und für beide Arten der Erfahrung gelten andere Gesetzmäßigkeiten.(HIRSCHBERGER1969,268f)
In den Naturwissenschaften vollzog sich eine ähnliche Differenzierung von zunächst als Einheit angesehenen Erscheinungen. So kennen wir heute statt der 4 Elemente des EMPEDOKLES (492 v.Chr.): Feuer, Wasser, Erde und Luft, das periodische System mit mehr als 90 Elementen.
In diesem Prozeß der fortschreitenden Differenzierung hat der Mensch gelernt, Dinge nicht für das zu nehmen, als das sie "erscheinen": Ein Regenbogen ist "in Wirklichkeit" eine optische Täuschung (eine Brechung des Sonnenlichts in den Regentropfen), wir können also nicht seinen Anfang finden und dort auf ihn hinaufsteigen. "In Wirklichkeit" sind da nur Regentropfen und weißes Sonnenlicht. - Die Maschine, an der ich schreibe, "scheint" nur solide. "In Wirklichkeit" besteht sie hauptsächlich aus Zwischenräumen: Sie besteht nämlich aus Atomkernen, die von Elektronen umkreist werden, die im Verhältnis Kerndurchmesser zu Abstand weiter entfernt sind als der Mond von der Erde.
Aber die Zwischenräume, um die es hier geht, sind "andere" Zwischenräume als die zwischen Billard-Kugeln, die man einfach näher zusammenlegen kann, die man ohne Probleme "dichter packen" kann. Im Bereich unserer Alltagserfahrung sind mit dem Wort Zwischenraum Assoziationen verknüpft, die im Bereich der Elementarteilchen nicht übertragbar sind. Man müßte das Wort also, angewendet auf Elementarteilchen, in Anführungsstriche setzen. Wenn wir den Begriff Zwischenraum, gebildet am Beispiel unserer Alltagserfahrung, auf Bereiche übertragen, die der ursprünglichen Erfahrung "unähnlich" sind, dann müssen wir sehr vorsichtig mit unseren Schlüssen sein.
Auf jeder neuen Reflexionsstufe muß der Mensch offensichtlich erneut lernen, Dinge nicht für das zu nehmen, als was sie "erscheinen": Wird zunächst das sinnliche Phänomen "zu naiv" interpretiert, so besteht auf der nächsten Reflexionsstufe die Gefahr, daß die Modelle, die man sich von der Wirklichkeit macht, mit der Wirklichkeit selbst verwechselt werden. So ist z. B. das BOHRsche Atom-Modell nur eine "Annäherung" an die Wirklichkeit. Das Atom ist nicht ein Kern aus Protonen und Neutronen, der von Elektronen "umkreist" wird. Das Modell ist eine gedankliche Hilfskonstruktion, mit der man sich verschiedene feststellbare Verhaltensweisen von Atomen anschaulich machen kann. (WEIZSÄCKER 1971, 307)
Dieser Reifikation genannte Irrtum, hypothetische Konstrukte als reale Entitäten mißzuverstehen, scheint z. B. bei vielen Anhängern der Psychoanalyse verbreitet gewesen zu sein, so daß Sigmund FREUD sich veranlaßt sah, verschiedentlich davor zu warnen, z. B.in bezug auf das hypothetische Konstrukt des "Unbewußten" (FREUD 1905)oder in bezug auf den Begriff "Regression": "Ich hoffe, wir sind weit entfernt, uns über die Tragweite dieser Erörterungen zu täuschen. Wir haben nichts anderes getan, als für ein nicht zu erklärendes Phänomen einen Namen gegeben." (FREUD 1900 und 1923)
73. "Es hat in der Vergangenheit ganz andere Arten, Wissenschaft zu betreiben, gegeben als die, welche uns durch den heutigen Wissenschaftsbetrieb vorexerziert wird. Historische Beispiele für andere Arten von Naturwissenschaft bilden etwa: die aristotelische Physik; die Astronomie des Ptolomäus; die Optik von Newton; die Elektrizitätslehre von Benjamin Franklin; die Phlogistonchemie. Der heutige Naturforscher hat die Neigung, hier einfach von veralterten Anschauungen oder sogar von Mythen zu sprechen. Zweierlei kann man einer solchen Einstellung entgegenhalten: Erstens: ist diese Grenzziehung unfundiert; denn wie kann man von Mythen sprechen, wenn diese, wie sich zeigen läßt, durch ähnliche Methoden und aufgrund gleicher Vernunftgründe geglaubt wurden wie die heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse? Zweitens: Welche Garantie haben wir denn, daß man in näherer oder fernerer Zukunft über Relativitätstheorie und Quantenphysik nicht ähnlich denken wird? Zu behaupten, dies sei ausgeschlossen, wäre nichts weiter als Ausdruck intellektuellen Hochmutes und überdies eine irrationale Verabsolutierung der heute üblichen Methoden sowie der heute für gültig angesehenen Auffassungen." (STEGMÜLLER 1979, S. 736 f)
74. "Der Empirismus ist ein Produkt der Eingefahrenheit geläufiger Erfahrungsformen. Er verfällt der Verführung der 'Evidenz', mit der ihm das Totum seiner Erfahrungsweise als das allein erfahrungsmäßig Zugängliche erscheint. Er weiß nichts von der Geschichtlichkeit der Erfahrung, nichts von der Veränderung, Entwicklung, ja von den revolutionären Durchbrüchen möglicher Erfahrung in erweiterter, medialer Sensitivität und macht sich in dem Typus von Erfahrung breit, in dem ihm zufällig die Leistungsfähigkeit von Erfahrung überhaupt aufgegangen ist. Gewöhnlich sind dies die dinglichen Erfahrungsweisen, während die höheren Erfahrungsformen der Personalität, der Historizität, der Sozialität und der Freiheit 'spekulativ' oder 'subjektiv' erscheinen, obwohl sie es nicht sind. " (ROMBACH 1974a, 44) Dieser hier erwähnte Empirismus würde allerdings dem "Evidenz- Erleben" des Astrologen gegenüber ebenfalls von einer "Verführung der Evidenz" sprechen, nur mit umgekehrter Argumentation.
75. Zitiert nach EYSENCK/NIAS 1982, 106
76. Nach KERLINGER (1973, 529) bedeutet quantifizieren, einem Untersuchungsgegenstand eine Zahl zuzuordnen. In dieser allgemeinsten Bestimmung ist implizit seine Behauptung: "All materials are potentially quantifiable" (a. a. O.) bereits enthalten, denn wenn dabei über die Dimension, hinsichtlich derer quantifiziert werden soll, nichts ausgesagt wird, ist dies immer möglich - und sei es dadurch, daß ich mein Material in eine Rangfolge meiner Präferenz oder den Zeitpunkt meines ersten Kennenlernens bringe. Ich nenne diese Bestimmung von Quantifizierung daher trivial, da dabei über die Angemessenheit der Zuordnung meiner Zahl nichts ausgesagt und nichts verlangt wird. Mir erscheint folgende Bestimmung des Begriffes angemessen: Quantifizieren bedeutet die Zuordnung von Zahlen zu den Bedeutungsunterschieden entlang einer untersuchten Dimension, so daß die Verhältnisse zwischen den Zahlen die Bedeutungsunterschiede entlang meiner Dimension widerspiegeln. Siehe dazu auch LOCKOWANDT 1984.
77. Dies ist natürlich nur sinnvoll, wenn ich von diesem Kriterium schon weiß, daß es die Persönlichkeits-Struktur des Horoskop-Eigners angemessen repräsentiert.
78. "Wieso können wir dieselbe harmonische Fortschreitung im Klanggewand eines Orchesters als im Klaviersatz identifizie-ren? Die Mechanismen, auf denen solche für das Erkennen von Bedeutungen grundlegenden Klassifikationsprozesse beruhen, sind außerordentlich schwierig zu beschreiben." (MOTTE-HABER, 1985, 85)
79. "Die Naturwissenschaft ist meinem Gefühl nach nicht weit genug entwickelt, um sagen zu können, daß das nicht wahr sein kann - und auch nicht weit genug entwickelt, um zu sagen, wie es zusammenhängt, wenn es wahr ist." (WEIZSÄCKER 1976)
80. Mit dem Oszillographen können selbst unhörbare Nuancen sogar sichtbar gemacht werden, die Digital-Schallplatte zeigt, daß Musik physikalisch vollständig quantifizierbar ist.
81. "Im Unterschied zu anderen neueren Lehrbüchern der Musik- psychologie gehe ich nicht von der Wahrnehmung der Schall- welle aus, weil diese Lehrbücher demonstrieren, daß es fast unmöglich ist, von dieser Basis aus zum Verständnis musikali-scher Ereignisse fortzuschreiten." (a. a. O., 10)
82. "Zweifellos gibt es die geborenen Psychotherapeuten, die nicht nur in den suggestiven Techniken, sondern auch in den aufdeckenden Methoden intuitiv charismatische Fähigkeiten entwickeln, die nicht lehrbar sind." (STROTZKA 1975, 5)
83. LOCKOWANDT (1973) hat versucht, den "Prozeß der Urteilsbildung in der Schriftpsychologie" transparent zu machen. Seiner Ansicht nach ist das nicht bewußt "kontrollierte" Denken geradezu eine Vorbedingung für das Zustandekommen eines gelungenen Gutachtens (für den Bereich astrologischer Gutachten siehe dazu auch NIEHENKE 1986a). Zur immer wieder geäußerten Kritik an solcher Methode der Urteilsbildung schreibt er: "Man nannte dieses hypnagoge Denken mystisch und nicht wissenschaftlich. Dieser Vorwurf ist gänzlich unberechtigt und zeugt davon, daß seine Urheber die Gesetze des produktiven Denkens nicht kennen. ... Diese Kritik glaubt nämlich, Denkprozesse müßten immer unter der strengen Führung des steuernden und regulierenden Ich verlaufen. Das ist schon bei einfachen produktiven Denkverläufen nicht der Fall."
84. Dies ist eine keineswegs triviale Frage. Wir wissen, daß Einzelaussagen, die aus einem Zusammenhang gerissen sind, dadurch in ihrem Sinn völlig entstellt werden können. Ebenso ist es denkbar, daß erst der Sinnzusammenhang der Gesamtdeutung jeder einzelnen Aussage ihre ihr zukommende Bedeutung verleiht. Für das Seelenleben des Menschen ist z. B. der Konflikt widerstreitender Motive und Impulse typisch: Es ist mir wichtig, mich mit meinen Bedürfnissen durchzusetzen, ich möchte aber auch von den anderen geliebt werden. Bei jeder Einzelaussage könnte ich nur "Jein" antworten. Die kleinste sinnvolle Einheit für eine Aussage wäre: Ich bin in einem Konflikt zwischen ... Daher ist, wenn überhaupt, eine Zerlegung nur möglich, wenn die Einzelaussage wiederum eine "sinnvolle Ganzheit" (s.u.) darstellt. In einer solchen Ganzheit steckt aber womöglich "das Bewußtsein des Gesamtzusammenhangs" schon drin (Hermeneutischer Zirkel).
85. "Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir." Zitiert nach REITER (1974, 34)
86. "Um Unklarheiten aus dem Wege zu gehen, gebrauchen wir den Ausdruck 'Verstehen' immer für das von innen gewonnene Anschauen des Seelischen. Das Erkennen objektiver Kausalzusammenhänge, die immer nur von außen gesehen werden, nennen wir niemals verstehen, sondern immer 'erklären'." (JASPERS 1948, 24) " ... würde eine völlige Quantifizierung der untersuchten Vorgänge voraussetzen, die beim Seelischen, das seinem Wesen nach immer qualitativ bleibt, prinzipiell nie möglich ist, ohne den eigentlichen, nämlich den seelischen Untersuchungsgegenstand, zu 'verlieren'." (a. a. O., S. 251)
87. Was ich hier "Idee" nenne, heißt in der Psychologie gewöhnlich "hypothetisches Konstrukt", um anzudeuten, daß es sich dabei um einen nicht direkt beobachtbaren Sachverhalt handelt, den man nur aufgrund der Beobachtung bestimmter konkreter Verhaltensweisen "erschließen" kann. Ich setze hier jetzt voraus, daß es zu den Gestalten meiner Wahrnehmung (den "hypothetischen Konstrukten") auch korrespondierende Persönlichkeitsmerkmale der Menschen gibt.
88. Man könnte bezweifeln, ob beide Aspekte dieses "Vexier-Bildes" überhaupt etwas über den Beurteilten aussagen, denn beide sind im wesentlichen (moralische) Bewertungen bestimmter Handlungen. Man kann jedoch von dieser Bewertung durchaus absehen: beide Aspekte der Betrachtung beinhalten nicht nur Bewertungen eines bestimmten Verhaltens, sondern es sind auch zwei unterschiedliche Verhaltensmuster angesprochen. Der "Geizhals" wird, wenn sparsamer Umgang mit Geld für ihn typisch ist, in vielen Situationen tatsächlich anders reagieren als der "arbeitslose Familienvater", der vielleicht nur nolens-volens sparsam mit Geld umgeht.
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